Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Fritz Prasch: Spuren der österreichischen Industrialisierung in Archiven und Bibliotheken

Spuren der österreichischen Industrialisierunp in Archiven und Bibliotheken Beauftragt wurde der Wiener Technikprofessor im Juli 1840 vom Obersten Kanz­ler Anton Friedrich Graf v. Mittrowsky „ ... zu einer Reise in die für sein Fach besonders interessanten Etablissements von Mähren, Böhmen, Oesterreich ob der Enns, Steiermark und Niederösterreich oder - nach Zulässigkeit der Zeit auch nur einige dieser Provinzen ... und die Relation darüber ... sammt Beilagen zu erstatten .,.“49. Diese Ermächtigung hat Burg zu einer freien Auswahl zu Besichtigungen von Be­trieben der verschiedensten Größe und Bedeutung genutzt. Am Textilsektor ist wohl das Gebiet von Reichenberg in Nordböhmen als erstes zu nennen, während Vordern- berg und Eisenerz damals die im Hüttenwesen führenden Zentren waren. Aber auch die Werkstätte des Kardenmachers Herkner in Reichenberg, in der neben dem Eigen­tümer nur zwei Mann beschäftigt waren, wird ebenso genau beschrieben wie der Huber’sche Sensenhammer in Mürzzuschlag, wo zwölf Arbeiter die gefragten steiri­schen Sensen in 40 Arbeitsgängen bei einem täglichen Ausstoß von bis zu 300 Stück erzeugten. Angetrieben wurden die maschinellen Einrichtungen, wie Hämmer, Gebläse, Drehbänke, Webstühle u. a. in 85 % der beschriebenen Beispiele von Wasserrädern, 18 von Burg erwähnte Dampfmaschinen lieferten die restlichen Antriebskräfte. Auf die durchschnittliche Beschäftigtenzahl bezogen, waren die Eisen- und Hüttenwerke mit 390 Mann pro Betrieb deutlich produktiver als die Textilindustrie, wo je Betrieb 1 550 Mann tätig waren50. Im zusammenfassenden Nachwort zu seinen Berichten stellt Burg fest, daß „ ... obschon ... noch Vieles zu tun ist, ... in allen Fabrikationszweigen eine erfreuliche Rührigkeit ... bemerkbar sei“. Nach Würdigung der einzelnen Branchen und Hin­weisen auf die Verpflichtung des Staates zur Förderung, besonders mittels Zoller­leichterungen, kommt er auf das Medium zu sprechen, das einen besonderen Platz in der technisch-wirtschaftlichen Entwicklung der Monarchie einnimmt51. 7. Die Eisenbahn Der Mechaniker Burg befaßte sich in den Berichten nur wenig mit der den Land­verkehr nach dem Jahrtausende währenden Stadium des von Tieren auf Wegen und Straßen gezogenen Wagens verändernden Neuerung. Sein Augenmerk gilt am Ende des zweiten Berichts der Hoffnung, daß in „ ... der großartigen Wien-Raaber Eisen­bahnwerkstätte ... in Zukunft ... große Maschinen ... ausgefiihrt werden ...“, damit nicht zur Anschaffung industrieller Ausrüstungen „ ... bedeutende Summen ... ins Ausland gehen“. Diese Hoffnung konnte neben der vom Schotten John Haswell ge­gründeten Firma noch von anderen Betrieben erfüllt werden. 1841 waren in den österreichischen, böhmischen und mährischen Kronländern 83 Maschinenfabriken 49 Vgl. Anm. 48 und Abb. 9 und 10, nach: Burgs Reise 1840 und Burgs Reise 1841;Prasch: Generaldirektion der österreichischen Staatsabahnen, S. 79 f. und 171 f. 50 Ebenda, S. 137bis 139 und 199 f. 51 Ebenda, S. 270 bis 272. 147

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