Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
Fritz Prasch: Spuren der österreichischen Industrialisierung in Archiven und Bibliotheken
I'ritz Prasch gründet. Wegen der in diesen Jahren immer wieder aufflackemden Kriege findet man im Bestand „Landwirtschaftsgesellschaft“ eine Lücke bis zur „Förmlichen Konstituierung“ im Februar 1812, auf der die Mitgliedsbeiträge, die Besoldungen des Sekretärs und des Kanzlisten sowie der endgültige Ausschuß, angeführt vom Präsidenten Joseph Carl Graf v. Dietrichstein, gewählt wurden12. Welche Bedeutung kann man in Bezug auf „Industrialisierung“ der Gründung einer Agrarvereinigung beilegen? Der Entwurf von 1808 bietet mit dem „Zuwachs an Manufaktur“ und der „Verbesserung der Ackergeräte“ einen Ansatzpunkt. Im Jahre 1800 betrug der Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung in Österreich 75 %13, sodaß die vorhin genannten Begriffe als Symptome eines baldigen Wechsels aufgefaßt werden können, für den erste Anzeichen bereits in diesen Jahren Vorlagen. So hatte z. B. zwei Jahre vorher der kaiserliche Güterdirektor Peter Jordan in Vösendorf bei Wien ein Mustergut und eine Landwirtschaftsschule begründet, wo 1815 die von dem Wiener Neustädter Straßenbaukommissär Vitus Ugazy gebaute Pflugsämaschi- ne14 vorgefiihrt wurde. Hier liegt ein zweifaches Beispiel für die beginnende Lösung des vorherrschenden Wirtschaftszweiges aus den traditionellen Formen vor: a) das der Aus- und Weiterbildung durch Verbesserung der agronomischen und b) der mechanischen Komponente. Ein ähnlicher Prozeß hatte auf dem Textil- und Eisenhüttensektor schon früher begonnen, die Folgen der Hinwendung zu neuen Methoden zeigten sich mit ständig steigender Tendenz. So nahmen u. a. die Fabriksgründungen der niederösterreichischen Baumwollspinnereien von 12 zwischen 1801 und 1814 nach fünf Jahren ohne Neugründungen auf 18 zwischen 1820 und 1828 zu. Von den Brünner Tuchfabriken wurden 2 vor 1800, 12 bis 1810 und 11 bis 1816 privilegiert. 46 böhmische Eisenhütten schmiedeten mit 164 Hämmern die in 68 Hochöfen geschmolzenen 265 000 Zentner Eisen um das Jahr 1790. 1846 bewältigten 260 Hämmer in 48 Hütten eine Jahresmenge von knapp einer Million Zentnern. In den österreichischen Ländern betrug im Jahr 1841 die Jahresmenge an verhüttetem Eisen aller Art (Guß- und Schmiedeeisen) 1,5 Millionen Zentner15. In scheinbarem Gegensatz dazu kam dem Werk- und Rohstoff Holz keine rückläufige Verwendung zu. Sowohl der gestiegene Bedarf an Holzkohle zur Verhüttung als auch als Werkstoff eines vermehrten Absatzes an Maschinen zeigt eine Steigerung. Diese mag einer der Gründe für die abfällige Beurteilung der Österreicher gewesen sein, ohne daß man den Holzreichtum der Monarchie, besonders der Alpenländer, und die dadurch günstigeren Kosten bedacht hatte. Auch paßte das leichter und mit Handwerkzeugen bearbeitete Holz wenig zum Bild einer eisen- und stahlverarbeitenden Fabrik, die sich als vorherrschende Organisationsform immer mehr durchsetzte. Eine weitere österreich-spezifische Erscheinung in der Ausstattung der 12 Österreichisches Staatsarchiv, Allgemeines Verwaltungsarchiv [In Hinkunft: ÖStA, AVA] Wien, Landwirtschaftsgesellschaft, Karton 1, ZI. 41 bis 54 aus 1812. 13 Bruckmüller: Sozialgeschichte Österreichs, S. 289. 14 TUWA, Privileg Nr. 83. 15 S 1 o k a r : Geschichte der österreichischen Industrie, S. 283, 330, 448, 453 und 470. 136