Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur

Herman Freudenberger Der Vorschlag, den Kolbielsky dem Fürsten von Reuss vorlegte und der wahrscheinlich die zukünftige Pottendorfer Fabrik als Muster nahm, scheint gut durchdacht gewesen zu sein und zeigte eine Organisation des Betriebes, die rationell ausgearbeitet war. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Fabriksanlagen, die auf dem europäischen Festland gegründet wurden, wie die Pottendorfer Garn-Manufaktur, besser organisiert wurden als jene in England, die organisch wuchsen. Es soll dabei auch die Frage erörtert werden, ob große Anlagen, in denen viel Kapital steckte, effizienter als kleinere Firmen waren. Gab es wirklich einen Skaleneffekt? Die großen Baumwollgamfabriken wie die Pottendorfer, die Schwadorfer und die Teesdorfer gaben zu, in einer Bitte für Schutztarife und sonstige staatliche Unterstützung, daß „kleine Unternehmungen, die keine Vorauslagen haben und bey welchen das ganze hineinverwendete Capital sogleich wirksam ist, mögen bestehen können [mittels einer einfachen Erhöhung des Zolles] besonders da sie größtentheils keine englischen, sondern sächsische Gespinste von niederer Gattung erzeugen“57. Nicht nur der Skaleneffekt für die ersten Jahre einer großen Fabrik ist hier verneint; es besteht auch die Vermutung, daß diese Institutionen ihren Markt falsch eingeschätzt hatten, daß also der Umfang ihrer Produktion vom Markt nicht absorbiert werden konnte. Das war aber nicht bloß ein Problem des „unterentwickelten Landes“. Um dieselbe Zeit fand eine Unter­suchung im britischen Unterhaus über den Stand der Wollmanufaktur statt58. Bei Fabriks­gründungen, wird darin angegeben, mußten große Summen unwiderruflich in Gebäude und teure Maschinen gesteckt werden. Der Fabriksherr muß sich dauernden Sorgen erge­ben, um eine große Anzahl an Arbeitern zu betreuen. Verschiedene Personen hatten vor dem Komitee ausgesagt, daß viele Leute, die Fabriken gegründet hatten, sie nur deswegen nicht auflösen wollten, weil sonst die Gebäude und Maschinen eine „tote Masse (dead weight)“ für sie bedeuten würden, in ähnlicher Weise betonte ein Angestellter der Firma Boulton & Watt das Problem der groß angelegten Fabriken, deren Dampfmaschinen und Gebäude wegen angeblicher Skaleneffekte gegründet wurden, und dann wegen Kapital­bedarfs Probleme für den Inhaber darstellten59. Größe brachte damals (und noch heute) Probleme mit sich, die nur schwer gelöst werden konnten und oft im Bankrott mündeten. Wie oben angegeben, kostete die Errichtung eines Satzes Mulespinnmaschinen nahezu £ 1 000, das waren 9 000-10 000 fl. Diese Summe stellte einen wesentlich höheren Auf­wand für die Reuss’sche bzw. Pottendorfer Fabrik dar, als jener der Firma McConnell & Kennedy zur selben Zeit. Da die Wertschätzung der Maschinen McConnel & Kennedys nur für interne Zwecke benutzt wurden, dürften sie unter dem Marktpreis aufgeschrieben worden sein. Noch in den 1830er Jahre konnte Montgomery feststellen, daß die Preise für Maschinen in Baumwollfabriken in Amerika viel höher waren als in England60. Ich glaube, diese Information gilt für alle nicht-englischen Gebiete. Selbst für englische Geg­HKA Wien, Kommerz, Rote Nummer 179, fol. 112. 58 Report ... on the State of the Woollen Manufacture in Eng 1 and. In: Parliamen­tary Papers, London 1806. 59 Chapman, Stanley- Butt, John: The Cotton Industry 1775-1856. In: Studies in Capital Formation in the United Kingdom, hrsg. von Charles H. Feinstein und Sidney Pollard. Oxford 1988, S. 105-125, hier S. 114. 60 Montgomery : Cotton Manufacture, S. 114 f., S. 212. 124

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