Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur
Die Pottendorfer Garn-Manufaktur enden außerhalb der Baumwollindustrie-Zentren müßte man damit rechnen, daß die Gründung einer Baumwollfabrik dreimal soviel kostet wie in der Manchester Gegend01. Um den Vergleich etwas realistischer zu machen, muß noch hinzugelugt werden, daß die Mulespinnmaschinen in der Fabrik McConnel & Kennedy wesentlich größer waren als die in Pottendorf, d. h. daß die Preisdifferenz pro Spindel noch größer war, als hier angegeben. Da die Einrichtungskosten in Österreich viel höher waren als in Manchester, ist es auch verständlich, daß sich die österreichischen Spinnfabriken hinter einem Schutztarif oder anderen Maßnahmen verstecken wollten, was aber die Regierung Franz I. anscheinend nicht zulassen wollte. Dieses Problem wird unten noch weiterbesprochen. Um zur Einrichtung der Reuss’schen bzw. Pottendorfer Fabrik zurückzukommen, wollen wir nun Kolbielskys Vorschlag im Detail anschauen. Sein Plan wurde in 94 vorsichtig durchdachten Klauseln abgeschrieben, denen scheinbar ein erster Entwurf und ein „Gang der Ausführung“ vorangegangen war. Das ganze Dokument kann, wie er es selbst in seinem Entwurf nannte, nicht mehr als ein „Ideal“ gewesen sein. Das Ideal war eine Fabrik, die mit 160 Sätzen Spinnmaschinen ausgerüstet werden sollte und deren Errichtung 1,400 000 sächsische Taler (ca. 2, 100 00011.) kosten würde. Er wußte, daß der Fürst von Reuss Schwierigkeiten haben würde, eine derart große Geldsumme zusammenzubringen und machte deshalb auch einen Vorschlag für einen Anfang mit nur vier Sätzen. „Ein Satz fürs baumwollen Mule twist-spinnen“ erklärte er in einer Klausel, „besteht aus einem devil, fünf Krazmaschinen, einem drawing frame, einem rowing frame, einem Stretching frame, sieben Mules, zwey Flaspeln und kostet dem H. Bar. v. K. in England zur Stelle ein tausend drey hunderet und vierzig Guinaen, wozu noch acht pr. C. Fracht und Assekuranz für den Transport nach Cuxhaven oder einem anderen von der Wahl des englischen Absenders abhängenden an der Elbe belegenen Hafens kommen“. Um die Maschinen aus England herauszuschmuggeln, müßte eine „provision“ von 3 000 Guineas vor der Absendung der Maschinen bezahlt werden. Kolbielsky verpflichtete sich, auch englische Fachleute kommen zu lassen. Für jeden Engländer müsse er 50 Guineas einem Commissaire bezahlen und jeder englische Facharbeiter müßte 50 Guineas für Fahrgeld erhalten. Diese Geldsummen müssen im Lichte eines Briefes, den Kolbielsky an den Schwarzenberg-Bank-Beamten Plaich schrieb, verstanden werden. In diesem Brief bat er Plaich, sich bei Schwarzenberg zu verwenden, sodaß der Fürst nicht die Preise für Maschinen in der Pottendorfer Fabrik an den Fürsten Reuss verraten würde, da sie viel billiger wären“. Wenn die Manufaktur mit den 160 Sätzen, die 2 880 „Stück Maschinen enthalten“ voll ausgerichtet sei, wären im ganzen 3 500 Menschen - 900 Männer, 1 000 „Weiber“, 1 600 Kinder - als Belegschaft notwendig. Kolbielsky war ein weitsichtiger Mann und sah einen lokalen Multiplikatoreffekt voraus, da jeder Arbeiter ungefähr 100 Taler „zu verzehren“ habe, daß eine Familie von 5 Menschen auf 464 Taler kommen würde, von denen 10 Schuster, 10 Schneider, 5 Bäcker, 3 Fleischer etc. ihre Ernährung finden würden. Die 61 61 Chapman- Butt: Cotton Industry, S. 111. “ HHStA Wien, Kabinettsarchiv, NL Kolbielsky, Karton 8, N° 183. 125