Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur

Herma» Ireudenbcrger Spinnmaschinen herzustellen und in Betrieb zu setzen, die Behörden zum selben Schluß kamen und danach ihre Entscheidung rechtfertigten. In Brünn wurde im Jahre 1796 ein Verein, dessen führendes Mitglied der Altgraf Hugo Salm-Reitferscheidt war, gegründet, um Spinnmaschinen aufzustellen. Für diesen Zweck schmuggelte Salm Zeichnungen von Spinnmaschinen aus England. Das Ersuchen des Vereins, ein Monopolprivilcg für die Errichtung von Schafwollspinnmaschinen zu bekommen, wurde abgewiesen, worauf sich der Verein auflöste. „Aus [dessen] Trümmern ... entstanden itzt blühende Schalwoll­spinnfabriken und Schafwollspinnereien ... Ob diese so schnell verbreitet worden wären wenn jene [Vereinsmitglieder] das angesuchte Privileg erhalten hätten, ist zu bezwei- flen“30. Im selben Sinne wurden im Jahre 1809 Prinzipien für die Verleihung der Mo­nopolprivilegien von Kaiser Franz angeordnet, die im großen und ganzen, mit Ausnahme chemischer und mechanischer Erfindungen, liberale Grundsätze zeigten31. Einer der Beamten, der in der Beratung für diese Frage beisaß, Graf Chorinski, bestand auf einer radikalen Auffassung, die nicht völlig von seinen Kollegen angenommen wurde. Er sah die ökonomische Freiheit als das einzige, beste Mittel, um eine langfristige wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. „Die unbeschränkte Freiheit in der Verwendung des Grund und Bodens, der körperlichen Kräfte und Fähigkeiten ... würde den National Reichthum vielleicht langsamer aber eben darum weil jeder Zweig dieser Verwendung das natürliche Gleichgewicht ungestört erhalte, desto fester und dauerhafter ...“ vermehren. Unter dieser Flagge der Smithian Lehre sprach er sich stark gegen die Zünfte aus sowie gegen „das schon lange als falsch dargestellte System der sogenannten Handels-Bilanz.“ Der Referent Kraus (wahrscheinlich Kraus-Elislago) stand mit Chorinskis Prinzipien in vollem Einklang. Wie er in seiner Autobiographie mit starken Worten ausfiihrte, hatte er „30 Jahre [seines] öffentlichen Lebens den fortwährenden Kämpfen mit dem Zunft- und Mo­nopolgeist der Handlungs- und Gewerbe-Corporationen ... um die allmähliche Befreiung des Handels und der Industrie ...“ zu erreichen, gewidmet32. Kraus-Elislago sprach mit aufrichtiger Ehrfurcht über seinen Freund Degelmann, der unter Maria Theresia und Joseph II. den Geist ihrer Wirtschaftspolitik darstellte. Obwohl Degelmann oft als das Symbol einer staatlichen Einmischung und einer restriktiven Politik gegolten hat, sollte man ihn mehr im Sinne Justis und Sonnenfelses Lehren sehen, in welchen die Regierung die Rolle eines wirtschaftlichen Förderers annahm, der vor allem Hemmnisse aus dem Wege der Privatinitiativen räumen sollte. Die Regierung Franz I. von Österreich scheint zur Zeit, die hier zur Betrachtung kommt, unter denselben Bedingungen gehandelt zu haben. Diesen Prinzipien zufolge setzten sich die franziszeischen Behörden mit den bekannten Wiener Großhändlern und Bankiers Fries & Co., Ochs-Geymüller & Co. und dem Indus­triellen Joseph Hebenstreit in Verbindung, um dieselben zur Annahme des deutschen Kaufmannes und des englischen Mechanikers zu bewegen. Die maßgebenden Herren dieser Firmen fanden aber die Fordemngen Thorntons „allen kaufmännischen Grund­Stätni Archiv v Bmë, Rodinny archiv rajckych Salm-Reifferscheidt, Karton 114. HKA Wien, Kommerz, Rote Nummer 176, fol. 772-811. Kraus-Elislago, Joseph Emanuel Ritter von: Auto-Biographie. Wien 1849. S. 223. 118

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