Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur
Herman Freudenberger „mißtrauisch“ waren, wußte er. Wie er in einem Brief an einen Geschäftsfreund schrieb, war das „unter uns gesagt“ weil sie „wenig Handlungskenntnisse haben“11. Aus heutiger Sicht dürfte man dasselbe Urteil über Kolbielsky selbst fallen. Er unternahm noch andere Privatgeschäfte in London, die mit „Spekulationen ... als Potasche, Leinwand, Schiftholz etc.“ zu tun hatten und vielleicht ein Grund dafür waren, daß die englische Regierung ihn aus dem Lande ausweisen ließ, ein Fall, den Kolbielsky als eine Schmach gegen Österreichs Würde betrachtet haben wollte12. Seine industrielle Spionage mag auch dazu beigetragen haben. Kurz und gut, die Vollmacht der Bank wurde seitens der Bankdirektion zurückgezogen, als er noch in Hamburg verweilte. In Hamburg machte Kolbielsky einige englische Maschinenkonstrukteure ausfindig. Wir wissen schon, daß er, nach seinen Aussagen, auf einmal auf seiner Reise auf den Gedanken kam, Spinnmaschinen erbauen zu lassen. Aus seinen Papieren geht hervor, daß er sich allerlei Spinnmaschinen ansah und seinen Aufenthalt in der Fremde um 7 Monate auf eigene Kosten verlängerte, um sich „vollständige Kenntnisse von der Betreibung des Maschinen-Spinnens“ zu verschaffen13. Er berichtete weiters, daß es ihm gelang „einen vermögenden Engländer“ nach Cuxhaven kommen zu lassen, mit dem er einen „Contract über Ausschieichung in England verfertigter Maschinen“ schließen konnte. Zur Zeit seines Aufenthaltes in England hat er jede Frage über Maschinen von sich abgewandt, da er wußte, daß die Ausfuhr derselben sowie die Emigration der Fachleute nicht erlaubt waren und ihre Rekrutierung deswegen gesetzlich bestraft wurde (jedoch nicht wie manchmal in geschichtlichen Studien angegeben wird und auch in den Akten, die sich mit der Pottendorfer Fabrik befassen, mit Lebensstrafe)14. Durch einen Mann namens James Bladen Ruspini, der ihm einige Jahre nach dieser Episode ein Mahnschreiben schickte, in dem er Kolbielsky daran erinnerte, daß er ihm noch 90 Guineas von den ihm versprochenen 100 für Beschafiüngsdienste schuldig war, traf er einige englische Facharbeiter15. Das dürfte der Mann in „englischen Diensten“ gewesen sein, der durch „ansehnliche Provision, Vorschüsse, auch Kostenerstattung einen Mechanikus, der selbst Maschinen kenne und andere geschickte engl. Arbeiter anzuwerben übernahm“. Auf diesem Weg kam er anscheinend zuerst mit John Lever zusammen, der ihm versicherte, alle englischen Textilmaschinen machen zu können, ein Mann der in den Akten als ein „Projektant ... der bereits [1801] 14 Jahre durch Deutschland und Frankreich herumirrt“, charakterisiert wurde16. Thomton, der England im Jahre 1799 aus unbekannten Gründen verließ, war anscheinend weniger prahlerisch veranlagt als Lever17. Das dürfte der Grund dafür gewesen 11 HHStA Wien, Kabinettsarchiv, NL Kolbielsky, 11. Juli 1800. 12 Ebenda, Karton 33, „Griefs contre L'Angleterre“. 13 Ebenda, Karton 12, Juni 1801. 14 Jeremy, David: British Textile Technology Transmission to the United States: The Philadelphia Region Experience, 1770-1820. In: Business History Review 48 (1973), S. 24-72, hier S. 25 f. 15 HHStA Wien, Kabinettsarchiv, NL Kolbielsky, 22. März 1805. 16 HKA Wien, Kommerz, Rote Nummer 176, fol. 226-229. 17 Ebenda, Rote Nummer 176, fol. 527-569. 114