Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur
Die Pottendorfer Garn-Manufaktur sein, warum Kolbielsky von Thomton nicht sehr beeindruckt war. Dieser englische Fachmann könne angeblich nur Mulemaschinen herstellen18. Laut einem Artikel in der Allgemeinen Zeitung vom November 1802, den Kolbielsky in seinen Papieren aufbewahrt hatte, war Thomton „eigentlich ein gelernter und sehr geschickter Spinner ... [der] beim Spinnen das Maschinenbauen abgesehen und nach seiner Auswanderung aus England schon in Hamburg, eine zwar nur kleine, aber doch sehr gute Mulespinnerey erbaut“19. Zuerst war er aber ein gemeiner Arbeiter, wie er in einem Brief an McConnel & Kennedy schrieb20. Freiherr Buol-Schauerstein, der k. k. Minister flir den niedersächsischen Kreis mit Sitz in Hamburg, setzte auch keine hohen Erwartungen in Thomton. Er solle ohne Eidward Royce und William Tyler - ebenfalls englische immigrierte Facharbeiter, die in Hamburg unter ihm arbeiteten und mit ihm nach Österreich kamen - nicht imstande sein, selbst Mulespinnmaschinen herzustellen21. In Wirklichkeit war es aber Thomton, der wichtige Beiträge zur industriellen Entwicklung Österreichs leistete und dafür geadelt wurde, wogegen von Lever nach seiner Ankunft in Wien beinahe nichts mehr zu hören war. Royce und Tyler wurden von dem Konsortium Fries, Geymüller und Hebenstreit „debauchiert“ und bauten in Schwadorf und Bmck an der Leitha Jennies“22 23. Schwadorf war im Jahre 1828 sowie im Jahre 1841 die größte Spinnerei in der Monarchie mit Ausnahme von PottendorF. In dieser Zeit wurden in der Schwadorfer Fabrik nur Mulemaschinen betrieben. Um die Spuren der Entstehungsgeschichte der Pottendorfer Fabrik zu verfolgen, muß man sich oft auf die Aussagen Kolbielskys verlassen, obwohl die diesbezüglichen Akten der Hofkammer (später Finanzministerium) auch weitere Aufklärung darüber geben können. In den letzteren wird Kolbielsky von einem hohen österreichischen Beamten, Kiel- mannsegg, als ein „sehr verschmitzter Mann“ charakterisiert. Man muß also die Aussagen Kolbielskys mit großer Vorsicht betrachten. Kolbielsky, der sich anscheinend oft lange Notizen schrieb, gibt in einer solchen an, daß er in England eine Gammanufaktur besucht hatte, dessen Inhaber ihm Spinnmaschinen verkaufen wollte, worauf er diesem aber andeutete, daß er darüber nur auf dem europäischen Festlande mit ihm sprechen wollte. Man darf vermuten, daß der englische Fabrikant dieses Angebot nicht ganz ohne Vorwissen von Kolbielskys Wünschen aus dem blauen Himmel von sich gab. Der englische Fabriksherr, dessen Name nicht bekannt ist, folgte Kolbielsky auch wirklich nach HHStA Wien, Kabinettsarchiv, NL Kolbielsky, 12. Juni 1801. 19 Ebenda, NL Kolbielsky, Karton 22, N° 150. 20 John Rylands Library (Manchester), McConnel & Kennedy Papers, 21. März 1802. 21 HKA Wien, Kommerz, Rote Nummer 306, fol. 2, 7. 22 Matis, Herbert: Technik und Industrialisierung im österreichischen Vormärz. In: Technikgeschichte 36 (1969), S. 12—37; K e e ß, Stephan Edler von: Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens im österreichischen Kaiserstaate. Wien 1819, Bd. 1, S. 95. 23 S1 o k a r, Johann: Geschichte der österreichischen Industrie und ihrer Förderung unter Kaiser Franz I. Wien 1914, S. 283 f.; Keeß, Stephan Ritter von und Blumenbach, W. C. W.: Systematische Darstellung der neuesten Fortschritte in den Gewerben und Manufakturen und der gegenständige Zustand derselben. Wien 1829, Bd. 1, S. 166 f. 115