Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)
4 Quellen- und medienkritische Erläuterungen
Deutschtum gegenüber offener zu machen. Auf alle Fälle aber wollte man am Bau einer gemeinsamen ungarischen Nation mitarbeiten.107 Durch die Wiener Verordnungen wurde den Bewohnern der Monarchie das Studium an deutschen Universitäten verboten, so dass auch die Deutschungarn für das Studium auf Wien oder andere ungarische Hochschulen angewiesen waren. Dadurch sei eine „Verschmelzung mit dem ungarischen Geistesleben gefördert“108 worden. So verarbeitete man in den Zeitungen nicht nur Berichte aus den Wiener Blättern (mit Angabe der Quelle), sondern besprach auch ausführlich ungarische und deutschungarische literarische Werke. Diesen Trend verstärkte weiter ein Aufblühen der ungarischen Literatur im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts, den die Deutschungarn in ihren Zeitungen im Rahmen ihrer angestrebten Vermittlertätigkeit (etwa durch Rumy109 oder Majlath) mit Übersetzungen aus dem Ungarischen begleiteten. Welche Bedeutung man noch im 18. Jahrhundert der deutschen gegenüber der slawischen, ungarischen und letzlich auch der lateinischen Sprache Sprache beimaß, verrät eine Aussage von Juraj Martin Kovačič, der den Merkur von Ungarn redigierte, welcher 1786/1787 in Pest erschien: „Unter so vielen Sprachen, die in unserem Vaterlande dankbar sind, ist die Slawische, die weitläufigste und die Hungarische von den übrigen am meisten in Gebrauch, keine ist aber die gelehrte, die Büchersprache, die Sprache der freien Welt, also kann die gelehrte Zeitung in keiner von diesen, noch weniger aber von den übrigen geschrieben werden. [....] Die lateinische Sprache ist zwar bey uns ziemlich allgemein, und den Ausländern auch verständlich, aber den môchťich doch sehen, der eine gelehrte Zeitung so rein lateinisch sprechen könnte, dass mit ihm die Ausländer zufrieden wären, und bey uns nicht für einen Affectirten passiren müsste [...] In unserem Vaterlande ist jener Theil des Volkes, welcher lateinisch liest und versteht, ebben nicht derjenige, der so sehr eine Aufklärung braucht [...] Es hat die Erfahrung bewiesen, dass die Aufklärung so lange keinen Fortgang gehabt habe, solange alles lateinisch abgehandelt wurde.“110 Allerdings wurde das Betreiben der Zeitungen durch eine strenge Zensur erschwert, die zwar während der Regierung Josephs II. zeitweise gelockert, jedoch bereits noch zu dessen Lebzeiten wieder verschärft wurde. So wurde die 107 Bei Reschat freilich hatten solche weltoffenen Ansichten auch ihre Schattenseiten, die sie nicht verhehlt, wenn sie schreibt: „Bei größtmöglicher Objektivität wird der Fortschritt, politische Freiheit und Demokratie verherrlicht, der Gedanke des Weltbürgertums gepflegt. Damit verbunden ist eine gewisse nationale Hilflosigkeit und Zwiespältigkeit.“ (Reschat,1942, S. 34/35) Schon Windisch sei sich - wie die Aufklärung insgesamt - des Unterschiedes zwischen Volks- und Staatszugehörigkeit nicht bewußt gewesen. Dennoch ebnete die Zeit der Aufklärung und mit ihr die Regierungszeit Joseph II. der deutschen Sprache Wege im ungarischen Zeitungswesen. 108 Réz (1935) S. 28. 109 Karl Georg Rumy (1780-1847): Lehrer und Polyhistor. 110 Zitiert nach Potemra (1963) S. 47. 65