Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches

ralen Ideen für sich zunutze machen konnte. Die slowakischen Repräsentanten selber pflegten zu diesem Adel durch verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen mehr Kontakte als zum eigenen Volk. „Die 1860 etwa zwei- bis drei­hundert Köpfe zählende slowakische Führungsgruppe hatte - trotz ihrer soge­nannten Volkstümlichkeit - im Grunde die traditionelle snobistische Haltung einer religiös gegliederten und sozial meist privilegierten Bildungsschicht gegenüber der breiten Masse des Volkes nicht geändert.“93 Die Führungsschicht selber bestand aus niederen - meist - evangelischen Geistlichen, Lehrern, Literaten usw. Selbst Štúr blieb in seinen Standpunkten eigenartig konservativ und dachte nicht daran, unter dem eigenen Volk dringend notwendige soziale Reformen durchzusetzen, um eigene Institutionen zu schaffen, den eigenen Bürgerstand auszubilden. Er konzentrierte sich vor allem auf das Bauerntum als Hüter der Traditionen ohne die gesellschaftlichen Neuerungen der Zeit in den Blick zu nehmen. Hinsichtlich des nordungarischen Adels vertrat sein Weggefährte J. M. Húrban nach Gogoläk folgenden Standpunkt: „Die slowakische Nation sei im wesentlichen nicht ohne den nordungarischen Adel denkbar; dieser ziehe daraus seine politische Berechtigung und habe die Aufgabe, das slowakische Volk als vollberechtigte politische Nation innerhalb Ungarns zu kon­stituieren.“94 Der Blick auf die niedrigen Bevölkerungsschichten der Slowaken und ihrer Bedürfnisse blieb daher für die eigene Führungsriege weitgehend ver­schlossen. Nicht von ungefähr verstarb Štúr 1856 vereinsamt und ohne große Anteilnahme der slowakischen Massen. Ein weiteres Problem bildete auch der konfessionelle Gegensatz zwischen den politischen Repräsentanten und der Masse der Slowaken, die zu 80 Prozent der katholischen Konfession angehörten. Zudem übernahmen die Magyaren ab Mitte der 60er Jahre mehr und mehr den politischen und administrativen Apparat in Ungarn und drängten die übrigen Nationalitäten - für die Slowaken ist dies auch mit dem Mangel an ausgebildeten Juristen zu erklären - so zunehmend in die Defensive. Der Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn schließlich schuf für die Slowaken deutlich ungünstigere Bedingungen als sie etwa für die Tschechen bestanden und so trennten sich zunächst die Entwicklungslinien dieser beiden Nationen. Die Magyaren bauten in Ungarn einen zentralistischen Nationalstaat auf, während in Zisleithanien die his­torische Individualität der einzelnen Länder stärker respektiert wurde. Zudem verloren die Slowaken nun die Möglichkeit, mit ihren Anliegen auch auf Wien zu setzen. Innerhalb Ungarns achteten die Magyaren darauf, dass keine Koalition unter den Nichtmagyaren entstehen konnte. Angesichts dieser Lage herrschten unter den Slowaken unterschiedliche Ansichten, wie man mit der Situation umgehen solle. Man unterscheidet hierbei zwischen einer alten und einer neuer Schule. Die alte Schule stellte der soge­93 Gogolák (1972) S. 35. 94 Gogolák (1972) S. 35. 60

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