Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)
3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches
nannte Martinflügel, die Anhänger des nationalen Programms des Memorandums von 1861. Sie waren sich dessen bewusst, dass der Ausgleich die Forderung nach einem autonomen slowakischen Distrikt unerfüllbar gemacht hatte. In Anlehnung an die Gedanken Kollars und Šafariks von den innerslawischen Beziehungen hofften sie auf slawische Hilfe von außen - auf die Hilfe Russlands. Eine jüngere Gruppe von Slowaken bildete die neue Schule. Sie zeigte sich liberaler und übte Kritik an der Russophilie der alten Schule. Vor allem strich sie aus ihrem Programm die Forderung nach einem slowakischen Distrikt und beging nach Meinung der alten Schule damit Verrat an der Nation. Stattdessen trat sie für ein Arrangement zwischen Magyaren und Slowaken ein. Aufgrund der Auseinandersetzungen innerhalb der slowakischen Führungsschicht wurden im Jahr 1869 lediglich drei slowakische Kandidaten in den Landtag gewählt. Für die Wahl von 1872 einigten sich die Parteiflügel, konnten jedoch auch damit keine Wahlsiege erringen. Daraufhin näherte sich die neue Schule der Partei Deáks an. Sie akzeptierte die Gesetze 12/1867 und 44/1868 und setzte auf volle Kooperation mit der Regierung. Wiederum betrachtete die alte Schule dies als Verrat und lehnte jede weitere Zusammenarbeit ab. Nach 1872 verstärkten sich aktive Diskriminierung und Benachteiligungen. Am 6. April 1875 erfolgte die Schließung der Matica Slovenská. Kálmán Tisza95 intensivierte die Politik der Magyarisierung, da er fürchtete, die Krone könnte sich mit den Kroaten und anderen Nationalitäten gegen die ungarische Regierung verbünden. Dies führte zu einem Rückzug der slowakischen nationalen Bewegungen und der Nartionalpartei. Das Nationalitätengesetz von 1868 (GA XLIV/1868) gewährte den nichtmagyarischen Nationalitäten in Ungarn - mit Ausnahme der Kroaten - keine korporativen nationalen Rechte. Nur geringfügige sprachliche, kulturelle, Voiksbildungs- und Vereinsrechte wurden zugestanden, doch galten auch diese zumeist nur auf dem Papier.96 Nach dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn waren die Slowaken und die übrigen nichtmagyarischen Nationalitäten den Bestrebungen der Magyaren, einen magyarischen Nationalstaat zu schaffen, schutzlos ausgeliefert. Dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass der Ausgleich von 1867 gerade in Nordungarn von der dortigen slowakischen Bevölkerung, besonders von Bauern und Kleinbürgern, aber auch von Studenten der Mittel- und Hochschulen zunächst begeistert und umjubelt aufgenommen wurde97 und sich dies auch deutlich in der Berichterstattung niederschlug. Man sonnte sich sozusagen für einen Moment im Glanz des Magyarentums, wollte dazu gehören. Gerade jetzt zeigte sich der fehlende Einfluss der slowakischen Eliten auf das eigene Volk, die eigenen Massen. Fortan mussten sie - eine kleine Gruppe um J.M. Húrban - ihre Bestrebungen im Untergrund fortsetzen. 95 1875-1890 ungarischer Ministerpräsident. 96 Holotik (1985) 783ff. 97 Siehe Gogolák (1972) S. 50/51. 61