Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches

diesen Vorstellungen kam er den damals einflussreichen Vorstellungen über die Nationalitätenpolitik in Ungarn von Josef Eötvös88 oder auch Ludwig Mocsäry89 doch recht nahe.90 Letzterer vertrat die Ansicht, „die Rechte der Slowaken und der anderen Nicht-Magyaren sollten auf diesen individuellen Freiheitsrechten bzw. auf der Basis der Komitatsautonomien beruhen“.91 Die Vorstellungen wurden am 6./7. Juni 1861 auf der Slowakischen Nationalversammlung in Turčiansky Svätý Martin im Beisein von 6000 Teilnehmern in einem Memorandum niedergelegt. Der Anfang der 60er Jahre stellte mit den sogenannten Memorandumjahren eine wichtige Etappe zu einer eigenständigeren Position der Slowaken dar. In diesen Jahren spielte die Stadt Martin eine fundamentale Rolle in der Entwicklung der slowakischen Nation. Mehrere Initiativen wurden unter Ausnutzung aller Möglich­keiten gestartet, die das Oktoberdiplom bot. In der Folge wurde das Wirkungs­gebiet der slowakischen Sprache erweitert und es wurden Erfolge in der slowakischen Erziehung erzielt, was sich auch in der Eröffnung slowakischer Gymnasien zeigte. Den krönenden Flöhepunkt dieser Epoche stellte die Eröffnung der Matica Slovenská am 31. Mai 1863 dar. Holotik sieht den Ausgang des Memorandums wesentlich kritischer.92 Seiner Meinung nach sei es zum Misserfolg verurteilt gewesen, da weder Pest noch Wien bereit gewesen seien, auf die Oberherrschaft über die Slowaken zu verzicht­en. Jedoch hätten die Gegensätzlichkeiten zwischen diesen beiden Polen der Macht einen gewissen Manöverspielraum eröffnet. So sei es schließlich auch etwa zur Eröffnung der Gymnasien gekommen, wenngleich die Bemühungen um die Volksschulen erfolgreicher gewesen seien, als diejenigen um die Gymnasien. Auch wurden etwa zehn verschiedene Zeitschriften aus den Bereichen Literatur, Kunst, Volkskultur und Wissenschaft herausgegeben, die schließlich die institu­tioneile Basis für die Matica Slovenská bildeten. Doch schon Mitte der 60er Jahre verschlechterte sich die Situation für die Slowaken wieder. Offensichtlich war für die Regierung in Wien die Befriedigung der Magyaren dringlicher als die Erfüllung der Anliegen der nichtmagyarischen Nationalitäten. Die Slowaken wurden bei der Durchführung ihrer Forderungen vor allem durch die geringe Zahl ihrer Führungsschicht (etwa 200-300) aber auch durch die mangelnde Basis innerhalb der slowakischen Gesellschaft überhaupt gebremst. Nach Gogolák waren diese slowakischen Führungspersönlichkeiten zu einem Großteil selber für die mangelnde Akzeptanz in der Bevölkerung ver­antwortlich. Sie hätten es versäumt, die breite Masse des slowakischen Volkes für die eigene Sache zu gewinnen. So war es eher der magyarische bzw. ma­­gyarisierte Adel, der die Führung in den slowakischen Komitaten innehatte, der den Anfang der 60er Jahre durchaus bestehenden Enthusiasmus für die libe­88 Josef Eötvös (1813-1871): ungarischer Schriftsteller und Staatsmann. 89 Lajos Mocsáry (1826-1916): ungarischer Politiker. 90 Siehe Gogolák (1972) S. 32. 91 Gogolák (1972) S. 32. 92 Holotik (1985) S. 779 59

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