Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches

Außerdem wurde das Land in Militärdistrikte unterteilt, wobei Oberungarn in die Distrikte Preßburg und Kaschau getrennt wurde. Fortan existierte kein Landtag mehr, die Verwaltung lag größtenteils in fremden Händen - den sogenannten Bach-Husaren. Ähnlich wie in der Frühlingsmonaten besetzten nun auch ma­gyarische und promagyarische Altkonservative die entscheidenden Positionen im Land, die den Slowaken und ihren Anliegen keineswegs wohlgesonnen waren. Die sich erneuteinstellenden aristokratischen Methoden wurden auch in der Öffentlichkeit, einschließlich der deutschen Presse, diskutiert und kritisiert. Für die Slowaken setzten sich Štúr, Húrban44 und andere weiter für die Untersuchung ungerechter Zustände und die slowakischen Forderungen ein. Zusätzlich kamen starke Militär- und Polizeikontingente zum Einsatz, um das Land ruhig zu halten. Vor allem außenpolitische Misserfolge (Krimkrieg, Unruhen in Italien, Niederlage gegen Frankreich und Piemont-Sardinien von 1859) und eine damit einhergehende Schwächung der Position Österreichs führten Anfang der 1860er Jahre zu einer Lockerung der ungarischen Verhältnisse. Dies führte 1860 zum sogenannten Oktoberdiplom. Nach Protesten in Ungarn, die sich auch gegen die innerstaatliche Defizitwirtschaft richteten, sah sich der Kaiser veranlasst, den Reichstag um Vertreter der konservativen ungarischen Aristokratie zu erweitern und ihnen im Oktoberdiplom Zugeständnisse im Sinne einer Föderalisierung zu machen. Ungarn wurde damit als autonomes Kronland den anderen Reichsteilen gleichgestellt und ebenso wurden die Wiedereinrichtung des Landtages, der Hofkanzlei, des Statthalterrates und der Komitatsverwaltung bestimmt. Die Ungarn jedoch forderten darüber hinausgehend Rechtskontinuität - im Gegensatz zur obengenannten Verwirkungstheorie - das heißt, das Wiederinkrafttreten der Gesetze von 1848/1849. Der Kaiser reagierte darauf mit dem Erlass des Februarpatents vom 26. Februar 1861 und suchte damit wiederum eine zentralistisch-liberale Lösung der Situation. Zwar wurde am 2. April 1861 ein ungarischer Landtag einberufen, dessen Kompetenzen (wie diejenigen aller Landtage in den Kronländern) durch das Patent zugunsten des zentralen Reichsrates beschnitten waren. Beraten werden sollten hier das Verhältnis Ungarns zur Dynastie und dem königlichen Hof sowie die Nationalitätenfrage. Hierzu wurde am 23. Juni 1861 eine Kommission ein­gerichtet, die einen entsprechenden Gesetzentwurf vorbereiten sollte. Die Zugeständnisse an die Nichtmagyaren sollten jedoch die politische Einheit Ungarns nicht gefährden. Das bedeutete, dass keine Kollektivrechte gewährt werden sollten, sondern nur individuelle Rechte im sprachlichen und kulturellen Bereich. Administrativ-rechtliche Territorien oder Autonomien waren nicht vorge­44 Jozef Miloslav Húrban (Geb.: 19.3.1817 Beckov, gest.: 21.2.1888 Hlboké), Schriftsteller, Politiker. 1830-1840 Studium am evangelischen Lyzeum in Preßburg. Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in der slowakischen Politik und Literatur im 19. Jahrhundert, treibende Kraft der slowakischen nationalen Bewegung. 39

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