Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches

- Buch „Hitel“ (ung. „Kredit“). Zudem entwickelte sich bei den Magyaren das Bedürfnis nach einer einheitlichen Landessprache. Auf dem Landtag von 1825 bis 1827 wurden die Reformvorstellungen erstmals artikuliert, konnten jedoch aufgrund konservativer Mehrheiten größtenteils nicht verwirklich werden. Die Fragen zur nationalen Selbstbestimmung behandelte vor allem Baron Miklós Wesselényi. Er entwickelte sich zum Führer der liberalen Opposition im Landtag und nahm im Gegensatz zu Széchenyi für die Unabhängigkeit Ungarns einen Bruch mit Wien in Kauf. Nach erneuten Beratungen auf dem Landtag von 1832 bis 1836, die hinsichtlich der liberalen Reformvorstellungen auch nicht gänzlich erfolg- und wirkungslos blieben, ließ der Wiener Hof jedoch keinen Zweifel bestehen, dass er diese Entwicklungen nicht einfach hinnehmen werde. Gestärkt durch die 1833 erneuerte Heilige Allianz zwischen Österreich, Preußen und Russland war man in Wien entschlossen, das ancien régime zu verteidigen. So wurden nach Beendigung des Landtages die Oppositionspolitiker - darunter auch Lajos Kossuth - verhaftet und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Jedoch war das Erstarken der Opposition auch durch ein solches Eingreifen nicht mehr aufzuhalten, während aufgrund der angespannten außenpolitischen Lage - es drohten militärische Auseinandersetzungen durch die russischen Ambitionen auf dem Balkan - eine Befriedung im Innern für Österreich immer notwendiger wurde. Man suchte also zunehmend die Aussöhnung mit den Ständen und zeigte sich schließlich auf dem Landtag von 1839/1840 bereit, einige Reformforderungen zu erfüllen und die inhaftierten Oppositionspolitiker frei zu lassen. So wurden auf dem Landtag etwa die freiwillige Erbablösung akzeptiert, die Avitizität theoretisch abgeschafft oder auch die feudalistischen Züge an vielen Stellen der Wirtschaft beseitigt. Zu dieser Zeit begannen sich auch schon die Unterschiede zwischen Széchenyi - dessen Tätigkeit gerade seinen Höhepunkt erreichte - und der poli­tischen Opposition stärker herauszukristallisieren. Fortschritte in Wirtschaft und Technik führten in den 1830/40er Jahren auch zu einer Ausdifferenzierung der Gesellschaft. So bildeten sich innerhalb des großgrundbesitzenden Adels zwei Gruppen. Die Mehrheit setzte sich für die Beibehaltung der feudalen Ordnung ein, während die Minderheit die kapitalistische Wirtschaftsweise anerkannte, eine Umgestaltung der feudalen Institutionen befürwortete und die engen staats­rechtlichen Beziehungen zu Österreich lockern wollte. In Ungarn waren es also adlige Gruppierungen, die anstelle des weitgehend fehlenden Bürgertums für gleichsam bürgerliche Reformen eintraten. Zu den entscheidenden Marksteinen etwa in der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Jahre gehörte die Einführung der Lohn- gegenüber der Fronarbeit. Eine Industrialisierung setzte erst in den 1840er Jahren ein, hier vor allem in den Bereichen Textil-, Lebensmittel-, Eisen und der Werkzeugindustrie. Die in dieser Zeit immer lauter werdenden Forderungen nach nationaler Selbstbestimmung beinhalteten vor allem die volle Selbstbestimmung gegenüber Wien, eine eigene Gesetzgebung durch eine eigene Volksvertretung, eine verant­wortliche ungarische Regierung sowie die Vereinigung Siebenbürgens mit Ungarn 34

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