Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)
3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches
das auch den Adel einbezog. Letztlich war der Widerstand gegen die Reformen so groß, dass sie noch Joseph selbst am Sterbebett bis auf die Leibeigenenverordnung und das Toleranzedikt von 1781 zurücknahm. Von Leopold II. (1790-1792) versuchte der Adel, alte Privilegien zurückzugewinnen. Auf dem zur Krönung einberufenen Landtag beharrten die Stände auf einer Einschränkung der königlichen Machtbefugnisse, der Unabhängigkeit Ungarns und der Regierungsgewalt für den ungarischen Landtag. Schließlich einigte man sich auf Kompromisse in mehreren Gesetzesartikeln. Hier wurden die bereits oben erwähnten bedeutenden Gesetzesartikel erlassen, die Ständeverfassung wurde weitgehend garantiert. Neben weiteren Bestimmungen wurden Ausschüsse gebildet, die Vorschläge dazu machen sollten, wie die Rückständigkeit Ungarns beseitigt werden könnte. In den Ausschüssen konnte man jedoch den herrschenden Konservatismus nicht überwinden und tastete den Feudalstaat nicht an. Doch der Nachfolger auf den nach kurzer Regierungszeit überraschend verstorbenen Leopold, Franz I. (1792-1835), schreckte, aus Angst vor Beschneidung seiner Machtbefugnisse, immer wieder davor zurück, selbst diese Vorschläge dem Landtag zu unterbreiten und verschob Reformen über Jahrzehnte. Schließlich machte sich in Ungarn Enttäuschung breit angesichts der mageren Ergebnisse des Landtags von 1791/1792. Inzwischen machte sich auch der Einfluss der Französischen Revolution in Ungarn bemerkbar, die auch Anhänger unter gemäßigten adligen Reformern fand. Mit der Aufdeckung der Widerstandsbewegung um Ignác Martinovics (1794) und der brutalen Niederschlagung der Bewegung verstummten auch die Gegner Habsburgs unter den Adligen, so dass wieder Einvernehmen herrschte zwischen dem politisch einflussreichem ungarischen Adel und dem Herrscher. Durch die napoleonischen Kriege wurde dieses Einvernehmen weiter gestärkt. Erst die letzten Kriegsjahre brachten Probleme mit sich, als die Kosten zu enorm stiegen. Seit dem Wiener Kongress im Jahr 1815 jedoch baute der Wiener Hof seine Position gegenüber den ungarischen Ständen aus. Für diese Politik standen vor allem Kaiser Franz I. und sein Kanzler Metternich. Stieß das Vorgehen auch auf den Widerstand der ungarischen Komitate, waren dennoch Hof und ungarische Stände gezwungen, zur Sicherung des feudalen Systems Kompromisse einzugehen. Die wirtschaftliche Entwicklung und die Herausbildung einer nationalen Sprache und Kultur in den 1820er Jahren stellten die Grundlagen dieses Systems in Frage. Trotz der Kriegs konjunktúr konnte aufgrund des feudalen Wirtschaftssystems - zu nennen wären etwa die Fronarbeit oder das Zunftwesen - der Nachschub nicht gesichert werden. Als äußerst problematischer Faktor erwies sich vor allem das in Ungarn bis dahin fest verwurzelte System der Avitizität. Adelsgüter standen demnach unter einem besonderen Schutz und konnten nicht veräußert oder bei Verschuldung versteigert werden. Das Eintreiben von Schulden oder die Vergabe von Krediten wurde - mangels Sicherheiten für den Kreditgeber - damit erheblich erschwert. Széchenyi artikulierte diese Missstände erstmals in seinem aufsehenerregenden - und in großen Teilen des wohlhabenden Adels auf Ablehnung stoßenden 33