Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

2 Methodische und analítische Grudnlagen

In der Theorie werden drei Phasen der eigentlichen Entstehung von Nationen angenommen.28 Phase A, in der Gelehrte der zukünftigen Nation oder besser gesagt der „non dominant ethnic group“29, sich mit der eigenen Sprache, Kultur und Geschichte beschäftigen. Phase B ist diejenige der patriotischen Agitation und Phase C die Aufnahme der nationalen Bewegung durch die Massen. Während die Gelehrten in Phase A noch nicht zwingend mit der Intention arbei­teten, das nationale Bewusstsein ihres Volkes zu stärken, übernahm diese Aufgabe in Phase B eine Gruppe eifriger Patrioten. Es ist dies die Phase, die man gemeinhin mit dem Terminus „Wiedererwachen“ belegte. Kulturelle Vereinigungen wurden gegründet ebenso wie die ersten Zeitungen und Zeitschriften in der eigenen Sprache. Auch wurden erste politische Forderungen laut, der Ruf nach kultureller Autonomie oder der Gründung erster - nationalis­tischer - politischer Parteien. Phase C stellt bereits die Vollendung der Genese der Nation dar, die Annahme der nationalen Forderung durch die Massen. Der erfolgreiche Abschluss des Prozesses mit Phase C ist jedoch nicht garantiert. Tritt sie nicht ein, bleibt die nationale Entwicklung unvollendet. Eine Schlüsselstellung in Hrochs Theorie nehmen die so genannten nationalrelevan­ten Konflikte ein. Das bedeutet, dass diejenige nationale Gruppe oder Klasse, die aktiv an der nationalen Bewegung teilnimmt, bestimmte Interessen in die nationale Agitation einbringt und in nationalen Begriffen artikuliert. Hierbei han­delt es sich vor allem um politische und ökonomische Benachteiligung und Unterdrückung, die durch die Mitglieder diverser Gruppen empfunden werden, zusätzlich zum Gefühl der kulturellen Verschiedenheit. Nicht alles, aber doch vieles scheint sich mit PIrochs Modell hinsichtlich der Nationalitäten für den oberungarischen Raum für die Zeit des ausgehenden 18., das 19. Jahrhundert hindurch bis schließlich 1918 und selbst darüber hinaus bis 1938 veranschaulichen und erklären zu lassen. Sein Konzept für die kleinen Nationen lässt sich zunächst natürlich auf die slowakische Bevölkerung anwen­den, die nie einen eigenen Staat besaß und zunächst Gelehrte wie Anton Bernolak seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert versuchten, der slowakischen Schriftsprache zum Durchbruch zu verhelfen, was schließlich erst Ľudovít Štúr30 in der Mitte des 19. Jahrhunderts endgültig gelang. Gerade um seine Person scharte sich dann derjenige Kreis von Leuten, die versuchten, die nationale Bewegung anzustoßen und weiter zu entwickeln. Durchaus wurden dabei mit der 28 Siehe dazu Hroch: Social preconditions of national revival in Europe (1985), Kapitel 1 bis 7, ders.: Programme und Forderungen nationaler Bewegungen. Ein europäischer Vergleich, in: Die Entwicklung der Nationalbewegung in Europa 1850-1914, hrsg. v. Heiner Timmermann, Berlin 1998, sowie Bakke (1999), S. 44-47. 29 Hroch (1998) S. 19. 30 Ludovit Štúr (Geb.: 29.10.1815 Uhrovec, gest.: 12.1.1856 Modern), Linguist, Politiker. 1827- 1840 Studium in Gran, Preßburg und Halle. 1840-1843 Assistent von Juraj Palkovič am evan­gelischen Lyceum in Preßburg. 1845-1848 Herausgeber der Zeitung „Slovenské národné noviny". 1848/1849 führender Repräsentant der slowakischen nationalen Bewegung und damit einer der wichtigsten Persönlichkeiten in der slowakischen Geschichte. 26

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