Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

2 Methodische und analítische Grudnlagen

reichen Ansätze der Etablierung einer solchen Bewegung - freilich beschränkt auf die Elite -, das Bemühen um die slowakische Sprache, die zahlreichen Memoranden mit dem Ziel einer autonomen Slowakei, die Position der Slowaken innerhalb des Systems zu orten. Demnach sehe ich die Slowaken (immer beschränkt auf die Bemühungen der Elite) in einem zunehmend inten­siven Absonderungsprozess innerhalb eines sich noch entwickelnden ungarischen Nationalstaates. Dieser Prozess spitzt sich zu vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur militärischen Niederschlagung der Revolution von 1848, setzt sich während des Neoabsolutismus abgeschwächt fort bis 1867 und bricht in den darauffolgenden 8 bis 10 Jahren völlig ein, bis neue Forderungen erst am Ende des 19. Jahrhunderts wieder in Erscheinung treten. Die Deutschen in Ungarn lassen sich mit Breuillys Modell nicht fassen. Weder bildeten sie eine wirtschaftliche oder infrastrukturelle Einheit, noch zeigen sie Ansätze einer Bewegung, die auf Vereinigung, Absonderung oder Reform zielte. Sie entwickelten keine nationale Bewegung, sind wohl auch nicht als deutsch nationale, sondern höchstens als ethnische Gruppe zu bezeichnen. Es gilt, worauf bereits hingewiesen wurde und was sich auch in der Untersuchung zu bestätigen scheint, dass nämlich tatsächlich die Konzeption des Protonationalismus auf die Deutschen in Ungarn anzuwenden ist. Das Phasenmodell zur Genese von Nationen von Miroslav Hroch versucht, modernistische und ethnizistische Positionen zu verbinden. Auch er sieht Nationen historisch konstituiert. Schon in vormodernen Zeiten - im Mittelalter - hätte sich demnach die erste Phase dieses Prozesses abgespielt, das heißt bestimmte Gruppen auf bestimmten Territorien durch Integrations- und Disintegrationsprozesse herausgebildet. Die eigentliche Entstehung der Nation als Massenbewegung sei nach Hroch - der der marxistischen Tradition verpflichtet ist - allerdings erst an der Schwelle des feudalistischen zum kap­italistischen Zeitalter möglich geworden. Während sich bei den großen und führenden Nationen ein dritter Stand ausbildete, der gegen die alte feudale führende Klasse aufstand und sich selber als repräsentativ für die ganze Nation erklärte, kämpfte die nationale Bewegung in den kleinen und unter­drückten Nationen an zwei Fronten. Zum einen gegen das ancient regime, und zum anderen gegen die große, die führende Nation. Unter die kleinen Nationen zählt Hroch solche ohne Geschichte, das heißt solche, die nie über einen eigenen Staat verfügten. Eindeutig wären hier also die Slowaken zu sub­sumieren.27 Die Deutschen stellen nach Hroch eine Zwischenform zwischen kleinen und großen Nationen dar. Einerseits verfügten sie zwar über eine eigene Sprache und Literatur, über lange kulturelle Traditionen, jedoch nicht über einen Staat. 27 Diese Untersuchung macht sich Auffassung und Diktion der „Nationen ohne Geschichte", die wohl als überholt gelten kann, jedoch ausdrücklich nicht zu eigen. 25

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