Liszka József (szerk.): Az Etnológiai Központ Évkönyve 2000-2001 - Acta Ethnologica Danubiana 2-3. (Dunaszerdahely-Komárom, 2001)
1. Tanulmányok - Becker, Siegfried: Határvidék. Néprajzi feltárás és sztereotípiaképződés: Galícia és Bukovina a felvilágosult abszolutizmus korában
Der Reiz Galiziens als “fernes, nahes Land” hat mit seiner archaisch anmutenden traditionellen Volkskunst im Kontext eines europäischen Binnenexotismus des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts immer wieder zu volks- und völkerkundlichen Sammlungen in den großen Museen angeregt, nicht nur in Wien als dem Zentrum der alten Donaumonarchie, sondern u.a. auch in Berlin und Basel. Nach Raimund Friedrich Kaindl (Kaindl 1889/1890 und 1894; vgl. dazu Eberhart 2001) war es vor allem Ivan (Johann) Senkiv, der die traditionelle Hirtenkultur der Huzulen eingehend beschrieben hat (Senkiv 1981) und damit den literarisch bereits vorformulierten Anspruch einer ukrainischen Nationalkultur auch von volkskundlicher Seite zu unterstreichen suchte. Senkivs Studie, vom Marburger Herder-Institut in der Reihe seiner Ostforschungen publiziert, basiert auf einer in Berlin 1942 eingereichten Dissertation, worauf freilich in der Druckfassung nicht eigens hingewiesen wird. Dies Beispiel läßt ahnen, daß in der Wahrnehmung des Grenzlandes oft genug auch Konstruktionen des Nationalen im Hintergrund standen - in der Inner — wie in der Außensicht, und es liegt nahe, in den ästhetischen Dimensionen der ethnographischen Beschreibung auch politische Dimensionen zu vermuten, Entwürfe des Staaten- und Völkerlebens im Spannungsfeld von Gleichgewicht und Hegemonie, in dem die Herausbildung der modemen Nationalstaaten eingebunden war (Dehio 1997). Galizien und die Bukowina scheinen mir besonders geeignet für eine Betrachtung der Konstruktion von Grenzen, und ich will daher zunächst die Schaffung der Bukowina und ihre Angliederung an Galizien am Ende des 18. Jahrhunderts etwas eingehender behandeln. Aneignung und Wahrnehmung der neuen Provinzen im Absolutismus Mit der ersten Teilung Polens 1772 war Galizien als jüngstes Kronland dem Habsburgerstaat einverleibt worden. Die als Revindikation bezeichnete Annexion berief sich auf die territorialen Besitzansprüche der mittelalterlichen Könige von Ungarn; das Bestreben der theresianischen und josephinischen Reformgesetzgebung, das durch die Kriegsschäden der Bar- Konföderation (1768-1772) schwer geschädigte, wirtschaftlich rückständige und gesellschaftlich durch eklatante Standesunterschiede gekennzeichnete Land im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus zu “heben” und in Verwaltung, Justiz und sozialer Struktur den österreichisch-böhmischen Kronländem anzugleichen (Grodziski 1996; Deák 1999), hatte aufgrund der rigiden Maßnahmen zur Machteinschränkung des galizischen Adels und der Kirche (Mark 1994), aber auch wegen der Schwerfälligkeit der österreichischen Bürokratie wenig Erfolg. Den hektischen Reformbemühungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts folgte der polizeiliche Absolutismus unter den Regierungen Franz IL (I.) und Ferdinand, ehe schließlich die Region nahezu aufgegeben wurde und zum “Sibirien” der Donaumonarchie verkam, in die versetzt zu werden einer Strafabschiebung gleichkam. Wie aber war es nach der Annexion Galiziens zur Bildung jenes Grenzlandes gekommen, das als “Buchenwald” nicht nur aufklärerischen Impetus und missionarischen Eifer in den Bemühungen um Zivilisierung einer noch kaum erschlossenen Landschaft auf sich vereinte, sondern auch zum Inbegriff jener bukolischen Trauminseln in den Naturprojektionen wurde, mit denen die westeuropäischen Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert die Inszenierung der Landschaft, die Imaginierung der Natur (Shama 1996), in die Erinnerungskultur der Moderne festschreiben sollten? 38