Liszka József (szerk.): Az Etnológiai Központ Évkönyve 2000-2001 - Acta Ethnologica Danubiana 2-3. (Dunaszerdahely-Komárom, 2001)

1. Tanulmányok - Hartinger, Walter: A népi kultúra szűk határainak fikciója

Demgegenüber vertrete ich die These, daß die Fiktion von der engen regionalen und sozialen Grenzziehung innerhalb der Volkskultur und die Vorstellung von deren prinzipiell langen Dauer der exakten Forschung nicht standhalten, sondern daß auch unter den Gegenheiten der Vorindustrialisierung, also in der Phase des sog. “alten Europa” vielfache Grenzüberschreitungen den Alltag geprägt haben (zum Begriff und zum Problem kul­turgeschichtlicher Generalisierung vgl. Hartinger 1985a). Darum war die Volkskultur in einer beständigen Veränderung und Weiterbildung. Ich werde zunächst Institutionen und Kräfte benennen, die gleichsam von außen her in die Lebensgestaltung der einfachen Bevölkemng hineingegriffen haben und maßgeblich zur Ausprägung von deren Wertvorstellungen, Selbstverständnis und Umweltbeziehungen mit­gewirkt haben. Da sind zunächst einmal die politischen Obrigkeiten, die verhinderten, daß sich ihre Untertanen zu selbstgenügsam in ihren Traditionen eingenistet haben. Wie sollte es möglich sein, daß sich in jedem Dorf ein eigener Kleidungsstil herausbildete und über Generationen hinweg bewahrt wurde, wovon man in der Trachtenpflege teilweise heute noch überzeugt ist, wenn es doch schon seit dem 13. Jahrhundert staatliche Kleiderordnungen gab, die man vielfach aus den Nachbarterritorien übernahm (Baur 1975)? So wurde es den Dienstmädchen und subalternen Geistern überall ausgetrieben, sich schöne Rosenkränze aus Korallen, Elfenbein, gefärbten Knochenperlen oder Silberfiligran um den Hals oder an die Kleidung zu hängen, als diese Mode im 16. Jahrhundert aufgekommen ist (Ritz 1962). Und sowohl Kaiser Joseph II. wie sein bayerischer Nachbar Kurfürst Karl Theodor, vielfach verschwägert selbstverständlich, haben durch Androhung drakonischer Strafen für die Schneider und eitlen Frauenzimmer dafür gesorgt, daß die Rocksäume länger und die Dekolletées kleiner geworden sind, als sich entsprechende Gelüste zu Ende des 18. Jahrhunderts diesseits und jenseists von Inn und Salzach regten (Hartinger 1980-81). Und die “Linzer Hauben” kennt man hierzulande unter der Bezeichnung “Passauer Hauben”, weil sie hier wie dort von den vornehmen Bürgersfrauen getragen wurden (Lipp 1984). Die ganze frühe Neuzeit hindurch können wir so etwas wie eine Zentraldirigierung durch die politische Obrigkeit beobachten, diese reicht vom religiösen Leben bis zur Anlage von Streuobstwiesen, von der Dachdeckung bis zur Feier von Kindstaufe und Totenmahl, vom Zugang zum öffentlichen Musizieren bis zur Krankheitsbekämpfung. Nahezu überall greifen die Vorgesetzten weltlichen Behörden in den Lebensstil der unteren und mittleren Sozialschichten ein (Helm 1993. Zum theoretischen Problem der Zentraldirigierung vgl. Wiegelmann 1991, 56-59). Wir müssen diese Erscheinung nicht überbetonen: Nicht alles, was die absolutistischen Bürokratien verfügten, wurde gleich in die Wirklichkeit umgesetzt; vieles war zu kurzatmig anberaumt oder entzog sich dem Überwachungssystem (Kramer 1974, 115-124). Josef II. etwa hat seine Mandate gegen die Wallfahrten und die Verwendung von individuellen Särgen noch zu seinen Lebzeiten teilweise kassiert (Kimminich 1989). Trotzdem darf man den Anteil der Steuerung, den die politischen Instanzen ausgeübt haben, nicht zu gering veranschlagen. Die überregionale Orientierung der politischen Führungsschicht ließ neue Entwicklungen in die Dörfer kommen, welche identisch oder nahe verwandt mit denen von anderen Regionen gewesen sind. 110

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