Liszka József (szerk.): Az Etnológiai Központ Évkönyve 2000-2001 - Acta Ethnologica Danubiana 2-3. (Dunaszerdahely-Komárom, 2001)
1. Tanulmányok - Hartinger, Walter: A népi kultúra szűk határainak fikciója
In noch größerem Maß als der Staat stellt die Kirche ein wesentliches Element der Strukturierung der Volkskultur dar, das einer Kleinkammerung entgegenarbeitete. Sie lieferte nicht nur das verbindliche Modell zur Welt- und Lebensdeutung, sondern griff auch unmittelbar in den Alltag ein durch ihre Abfolge von Werk- und Feiertagen, durch die Spendung von Sakramenten, durch Vorschriften über Fast- und Abstinenzzeiten, durch ihre Lehren vom sittlichen und sozialen Verhalten, durch ihr Bildungsangebot usw. Diese Eingriffe oder Anregungen waren nie eng begrenzt, auf die Bedürfnisse eines Dorfes oder einer Landschaft zugeschnitten, sondern immer übergreifend (Hartinger 1992a). Neue Seelsorgsorden wie die Dominikaner und Franziskaner im hohen Mittelalter oder die Jesuiten, Karmeliter und Kapuziner des 16. und 17. Jahrhunderts sind jeweils schnell länderübergreifend tätig geworden und haben ihren spezifischen Frömmigkeitsstil nicht nur an einem Ort, sondern allenthalben verwirklicht (viele Beispiele bei: Kriss-Rettenbeck 1971). So ist etwa die Mariahilf-Verehrung von ihrem Ausgangspunkt Passau aus nach 1622 vor allem durch die Kapuziner innerhalb von zwei bis drei Generationen im gesamten katholischen Österreich und Süddeutschland bekanntgemacht worden. Mehr als 500 Wallfahrtskirchen zu dieser Kopie des Lukas-Cranach-Gemäldes schossen aus dem Boden; und eine entsprechende Abbildung fand sich nahezu in jeder Kirche, bzw. auf dem Weg der Verbreitung als Flinterglasbild oder Kupferstich in nahezu jedem katholischen Haushalt (Hartinger 1985b). Neben den Instanzen Staat und Kirche verdient noch eine weitere Institution als grenzüberschreitend besonders herausgestellt zu werden, nämlich der Buchdrvck. Man hat den Einfluß dieser neuen Kommunikationstechnik auf die Kultur der einfachen Bevölkerung lange Zeit unterschätzt (Schendal988). So bewahrheitete sich die Anschauung vom Analphabetismus der unteren Volksschichten bis weit ins 19. Jahrhundert keineswegs. Vielmehr gab es so etwas wie eine passive Lesefahigkeit großer Teile der Bevölkerung längst vorher. Auf sie als Kunden hatten es die Abertausende von Flugblättern, Bilderbögen und Groschenhefte abgesehen. Die männliche Bevölkerung von ganzen Ortschaften hatte sich darauf spezialisiert, diese Massenprodukte als sog. Kolporteure im Hausierhandel unter die Leute zu bringen. Und in der Kolportageliteratur wurde nicht nur die Kunde von schrecklichen Ereignissen wie Feuersbrünsten, Erdbeben, Kriegen, Epidemien, von Mord und Totschlag über alle möglichen Grenzen hinweg verbreitet, sondern auch der Glaube an recht dubiose Geschichten: an Zauberinnen und Hexen, an Werwölfe und Bilmesschneider, an Druden und andere Gestalten des Volksglaubens, der auf diese Weise reiche Nahrung erhielt und so überregional ausgerichtet wurde (Schenda 1976; Schenda 1977). Bisher war die Rede davon, daß bestimmte Neuerungen von außen her über den Horizont von Dörfern und kleinen Märkten hereingedrungen sind. Doch darf auch umgekehrt keineswegs die Bewegung, welche von den einzelnen Dörfern ausgegangen ist und über die engen Gemarkungsgrenzen hinausdrängte, vernachlässigt oder als zu gering angeschlagen werden. Ein Motiv, das die Menschen aus ihren Wohnorten hinaustrieb, war ein religiöses. Seit den Tagen der Urkirche predigten die Geistlichen, daß es vor allem zwei sichere Wege gebe, um das Heil zu erlangen: zum einen in ein Kloster einzutreten und dort Gott zu ehren durch unablässiges Arbeiten und Beten. Angepriesen wurde aber auch der umgekehrte Weg: wie Christus hinausziehen in die Welt, ruhelos weiterwandernd von einem heiligen Ort zum anderen. Millionen von gläubigen Christen sind das ganze Mittelalter hindurch diesem Ruf gefolgt. Sie haben sich für Jahre hin auf den Weg gemacht zu den heiligen Stätten der Christenheit, zum wundertätigen Volto Santo nach Lucca, zu den Gebeinen der Apostelfürsten in Rom, ins Heilige Land, zum hl. 111