Liszka József (szerk.): Az Etnológiai Központ Évkönyve 2000-2001 - Acta Ethnologica Danubiana 2-3. (Dunaszerdahely-Komárom, 2001)
1. Tanulmányok - Hartinger, Walter: A népi kultúra szűk határainak fikciója
Acta Ethnologica Danubiana 2-3 (2000-2001), Komärom-Komärno Die Fiktion von den engen Grenzen der Volkskultur Walter Hartinger Als um die Wende zum 19. Jahrhundert im Gefolge von Rousseau, Herder und der frühen Romantik die “Entdeckung” der Volkskultur durch die Gelehrtenwelt einsetzte, kannte die Begeisterung über die lokale Vielfalt an Liedern, Tänzen, Märchen, Sprichwörtern, Redensarten, Bräuchen und Rechtsvorstellungen keine Grenzen (Bausinger 1979, 17-41). Die bürgerlichen Akademiker sahen sich selber konfrontiert mit einer Welt des beständigen Wandels und der zunehmenden internationalen Verflechtung. Hiervon schien die Welt der Bauern, Fischer, Hirten etc. ausgenommen: Hier herrschte Heirat im kleinen Kreis, selbstgenügsame Bescheidung auf Hof und Dorf; hier unternahm man keine weiten Bildungsreisen wie beim zeitgenössischen Adel und Bürgertum. Aus der beobachtbaren Andersartigkeit der Volkskultur und den vermuteten kleinräumigen regionalen und sozialen Grenzziehungen wurde schnell kurzgeschlossen auf die lange Dauer der Vorgefundenen Elemente: Das Märchen vom Dornröschen war den Grimms nichts anderes als der Rest des Mythos von Brunhilde hinter der Waberlohe (Grimm 1953), und andere brachten die bayerischen Maibäume in Beziehung mit dem germanischen Baumkult (kritisch hierzu: Moser 1985, 199-268), das niederdeutsche Hallenhaus mit den Wohnungen der Chimbem und Teutonen (kritisch hierzu: Baumgarten 1980) und die oberbayerischen Trachten mit der Kleidung von prähistorischen Moorleichen oder indischen Dörfern (kritisch hierzu: Hartinger 1988). Diese Tradition wirkt bis heute nach, in der Volkskunde wie außerhalb. Manche Kollegen verstehen das Fach als eine Art regionaler Kulturgeschichte1. Vor allem in der jüngsten Historikerzunft erlebt die Vorstellung von der “longue durée” der Volkskultur (Braudel 1977) fröhliche Urständ, namentlich wenn es um religiöse Aspekte geht und besonders dann, wenn Hexerei im Spiel ist (Dülmen 1990-1994; Grabmayer 1994; Gurjewitsch 1982; Habermas 1991; Labouvie 1992; Muchembled 1982; Schieder 1986. In diesem Zusammenhang ließe sich auch ein großer Teil der modernen Frauenforschung anführen). 1 Klotz-Fidler 1990. Die Hochschullehrertagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde 1978, wie alle derartigen Unternehmungen auf wesentliche Fragestellungen des Faches ausgerichtet, setzte sich das Thema “Regionale Kulturanalyse” (Gemdt-Schroubek 1979). Oder das Symposium zu Ehren des 70. Geburtstages von Karl-S. Kramer, einem der namhaften Repräsentanten der gegenwärtigen Volkskunde, stand 1986 unter dem Motto “Historische Methode und regionale Kultur” (Köstlin 1987). 109