Die frage der Ungarn-Flüchtlinge von 1956 in Iserlohn. Quellensammlunk - A Szabolcs-Szatmár-Bereg Megyei Levéltár Kiadványai II. Közlemények 35. (Nyíregyháza, 2006)

Quellen - Zeitungsartikel

30. IKZ, 3. Januar 1957 S. 6. DIE FRAU AUS UNGARN Von Rudolf Oswald Diehl Sie stand an der schmalen Ostseite des Hauses und starrte zur Grenze, von wo die Flüchtenden noch immer heranzogen. Sie kamen über die Straße und über die mit Neuschnee bedeckten Wiesen, zusammengeduckt, in Tücher und Mäntel gehüllt, manche auf Pferdekarren, auf Wagen hinter Treckern, die meisten aber zu Fuß. Vor einer Stunde noch war sie den gleichen Weg gekommen. Jetzt stand sie an der windgeschützten Wand des österreichischen Bauernhauses und sah zurück. Sie hatte eine Wolldecke um ihre Schultern geschlagen, ihr Kopf war in einen grünen Schal gehüllt. Der Bauer aus dem gegenüberliegenden Hause hatte sie schon gesehen, als sie langsam von der Straße abgebogen war und sich vor die Hauswand ge­stellt hatte. Er hatte jedoch alle Hände voll mit den Ungarn zu tun, die sich in sein Haus drängten, so daß er sich nicht um sie kümmern konnte. Erst jetzt, nach einer Stunde, als er sie noch immer da stehen sah, ging er hinüber und sprach sie an. „Warten Sie auf jemanden?" fragte er. Sie sah an ihm vorbei und schüttelte den Kopf. „Aber Sie stehen schon seit einer Stunde hier." Sie gab keine Antwort. Sie sah an ihm vorbei, irgendwohin über die Wiesen und den Wald am Horizont. „Es ist kalt", sagte der Bauer, „Sie frieren ja." Sie rührte sich nicht. Sie mochte vierzig sein, ihr Gesicht war blaß, die Augen glänzten fiebrig, ihre Lippen waren dünn und blau. „Kommen Sie rein!" sagte der Bauer. „Meine Frau hat einen Kessel heiße Suppe auf dem Herd. Ihre Landsleute essen schon." Die Frau verzog keine Miene. Er merkte, daß sie ihm nicht zugehört hatte. Er blickte sie ratlos an. Plötzlich sagte sie: „Ich hätte nicht herüberkommen sollen." „Sie frieren", antwortete der Bauer. „Kommen Sie rein!" Die Frau sagte: „Ich komme aus Budapest. Sie wundern sich, daß ich so gut Deutsch spreche? Ich war als Mädel drei Jahre in Wien." Der Bauer nahm behutsam ihren Arm. „Das können Sie mir im Hause alles erzählen. Kommen Sie erst mit!" Aber sie fuhr fort: „Ich hatte den Kopf verloren. Deswegen bin ich hier. Jetzt sehe ich das ein. Ich habe nachgedacht. Ich bin nur gerannt. Ich bin auf

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