Karl Alfred von Zittel: Handbuch der Palaeontologie. 1. Abtheilung, Paleozoologie. III. Band: Vertebrata (Pisces, Amphibia, Reptilia, Aves) (München und Leipzig, 1887-1890)
VII. Stamm. Vertebrata. Wirbelthiere
2 V ertebrata, Wirbelthiere. die gallertartige zellige Rückensaite sogar jeglicher Gliederung. Unter allen Umständen aber findet sich als primitivste Anlage der Wirbelsäule eine Chorda dorsalis, auf welcher dorsal das Rückenmark verläuft, während sich nach der Bauchseite Darm, Mund , After, Herz, Respirations- und Fortpflanzungs-Organe, sowie die übrigen vegetativen Organe anlagern. Das vordere Ende des Rückenmarks bildet in der Regel einen besonderen Abschnitt, das vom Schädel umgebene Gehirn. An die Schädelkapsel fügen sich noch eine Anzahl weiterer knorpeliger oder knöcherner Stücke an, welche mit ersterer zusammen den Kopf bilden. Der Rumpf enthält ventral die Eingeweidehöhle, dorsal die Wirbelsäule; die hintere Verlängerung der letzteren ist der Schwanz. Als selbständige, jedoch häufig durch Fortsätze der Wirbelsäule gestützte Skeletelemente erscheinen die Gliedmaassen, welche je nach ihrer Form und Function Flossen, Beine, Arme oder Flügel genannt werden. Niemals treten mehr als zwei Paar Gliedmaassen auf, doch können zu den paarigen Extremitäten zuweilen noch unpaarige Bewegungsorgane (Rücken-, After- und Schwanzflossen) kommen. Der innere Bau des vorderen und hinteren Gliedmaassenpaares zeigt bei allen Wirbelthieren im wesentlichen dieselben Haupttheile, wie sehr dieselben auch durch verschiedenen Gebrauch verändert, umgestaltet oder verkümmert sein mögen. Die höchst mannigfaltige Ausbildung dieser homologen Organe bietet in genetischer und morphologischer Hinsicht ein besonderes Interesse. Bei sämmtlichen Wirbelthieren durchläuft das innere Skelet während der ontogenetischen Entwickelung eine Reihe von Veränderungen, deren Wiederholung sich an zeitlich auf einander folgenden fossilen Vertretern gewisser Gruppen öfters beobachten lässt. Aus keiner anderen Abtheilung des Thierreiches hat die Palaeontologie eine gleiche Anzahl sogenannter Embryonal- und Collectiv-Typen kennen gelehrt und nirgends tritt die Parallele zwischen Ont.ogenie und Phylogenie bestimmter zu Tage, als bei den Vertebraten. Die entwickelungsgeschichtlichen Vorgänge während der Skeletbildung haben darum für den Palaeontologen ein ganz besonderes praktisches Interesse, ja in sehr vielen Fällen gewährt der Vergleich fossiler Typen mit jugendlichen Entwickelungsstadien noch jetzt existirender Formen, also die Anwendung des biogenetischen Grundgesetzes , den einzigen sicheren Aufschluss über verwickelte morphologische Erscheinungen oder über verwandtschaftliche Beziehungen. Die Skeletentwickelung nimmt bis zu einem gewissen Stadium bei allen Vertebraten den gleichen Verlauf. Nachdem in dem befruchteten Ei die zweischichtige Keimscheibe entstanden ist, legt sich unter der