Karl Alfred von Zittel: Handbuch der Palaeontologie. 1. Abtheilung, Paleozoologie. III. Band: Vertebrata (Pisces, Amphibia, Reptilia, Aves) (München und Leipzig, 1887-1890)
VII. Stamm. Vertebrata. Wirbelthiere
Pisces. Fisc iié . 3 Medullariurche ein stabförmiges zelliges Gebilde von gallertartiger Beschaffenheit, die Chorda dorsalis, an. Während sich alsdann im weiteren Verlaufe die Seitenwülste der Furche durch Verwachsung schliessen und ein Rückenmark- (Medullar-) Rohr bilden, tritt meist gleichzeitig eine Gliederung der die Chorda umgebenden skeletogenen Schicht in eine grössere Anzahl gleichartiger Segmente (Wirbel) und eine Umänderung der zelligen Substanz in Knorpelgewebe ein. Mit Ausnahme der niedrigsten Fische bringen es alle Wirbelthiere wenigstens zu einer in Wirbel differenzirten Rückensäule und zu einem knorpeligen Innenskelet. Aber in diesem Stadium beharrt nur eine beschränkte Anzahl Fische. Meist tritt schon in frühen Embryonalstadien eine Verfestigung des Skeletes durch Aufnahme mineralischer Substanzen auf. In dem aus rundlichen Zellen und homogener oder faseriger Intercellularsubstanz bestehenden Knorpel lagert sich entweder direct fein vertheilter phosphorsaurer und kohlensaurer Kalk zwischen den Zellen ab und bildet dadurch verkalkten Knorpel (Haie und Rochen) oder es tritt eine vollständige Verknöcherung ein, wobei die ursprünglichen Knorpelzellen verschwinden und durch Resorption der Intercellularsubstanz Blutgefäss führende Kanäle (Haversische Kanäle), sowie kleine mit einer Knochenzelle (Osteoblast) erfüllte Hohlräume (Lacunen, Knochen körperchen) entstehen. Die Knochenkörperchen treten durch äusserst feine, nach allen Richtungen ausstrahlende Röhrchen (Primitivröhrchen, Plasmatic canals ) mit den Haversischen Kanälen in Verbindung und gruppiren sich häufig auch mehr oder weniger regelmässig um dieselben. Ihre Zwischenräume erfüllen sich vollständig mit homogenem phosphorsaurem Kalk. Bei manchen Fischen fehlen die Knochenkörperchen, so dass die Primitivröhrchen direct von .den Haversischen Kanälen ausgehen und die Knochenmasse durchdringen. Bei den übrigen Wirbelthieren variiren die Knochenkörperchen beträchtlich in Grösse und Form. Obwohl sämmtliche Wirbelthiere wahrscheinlich aus einer gemeinsamen Grundform hervorgegangen sind und in ihrer ganzen Organisation eine grössere Uebereinstimmung aufweisen, als die verschiedenen Classen der übrigen Stämme des Thierreiches, so bieten sie doch so grosse Mannigfaltigkeit in der Ausbildung aller einzelnen Theile und Organe, dass jede Classe zweckmässig gesondert betrachtet wird. Dem Palaeontologen liegen in der Regel nur Ueberreste des Knochenskeletes, Zähne oder verkalkte Hartgebilde der Haut (Schuppen, Schilder, Stacheln) zur Untersuchung vor; allein da fast sämmtliche Organe im Skelet ihre Stütze finden und in ihrer Lage und Ausbildung von jenem abhängen, so gewährt die Osteologie bei den Wirbelthieren die 1*