Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)

Bestände - I. Zeitreise

94 Zeitreise 11 Der „Umsturz der Bündnisse" 1756 1756 Mai 1, Versailles Österreichisch-französi­sche Defensivallianz Originale Unterhändlerurkunde über die neun ostensiblen Artikel (österreichische und französische Ratifikation in Abschrift angeschlossen), Papier, mit den Lacksiegeln und eigenhändigen Unterschriften der Unterhändler, acht Blatt, französisch Allgemeine Urkundenreihe 1756 V 1 Aus dem Kampf um das burgundische Erbe ab 1477 entwickelte sich rasch eine französisch-habsburgische „Erbfeindschaft", die das frühneuzeitliche Staatensystems und damit auch die habsburgische Außenpolitik fast drei Jahrhunderte hindurch prägen sollte. War es zunächst im 16. Jahrhundert das übermächtig scheinende Haus Habsburg, das mit seiner spanischen und seiner österreichischen Linie Frankreich einzukreisen und zu ersticken drohte, so wandel­te sich das Rollenverhältnis im 17. Jahrhundert entscheidend. Mit dem Abstieg Spaniens und der Expansionspolitik Ludwigs XIV. wurde definitiv Frankreich als gefährliche Bedrohung des europäischen Gleichgewichts eingeschätzt und von wechselnden Bündniskonstellationen bekämpft, in denen die österreichischen Habsburger stets eine prominente Rolle spielten. Noch im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740-1748) führte Frankreich im Gegenzug die Koalition der Habsburggegner an, die sich anschickte, das Erbe Karls VI. aufzuteilen. Sofort nach dem Ende des Konflikts suchte Wien aber den Ausgleich mit dem französischen Hof, den man als Bündnispartner für einen Revanchekrieg gegen den neuen Erzfeind Preußen zu benötigen glaubte. Nach langen mühsamen Verhandlungen gelang der Abschluß einer Allianz erst im Jahre 1756, als Frankreich bereits in einen See- und Kolonialkrieg mit Großbritannien geschlittert war und sich auf dem Kontinent keine zweite Front leisten wollte. Das Ende der französisch-habsburgischen Feindschaft wurde schon von Zeitgenossen als sen­sationelle Kehrtwende gesehen: nicht umsonst sprach man vom „Umsturz der Bündnisse" oder der „diplomatischen Revolution". Trotz massiver französischer Unterstützung gelang es Österreich im Siebenjährigen Krieg (1 756-1 763) nicht, Preußen aus dem Rennen zu werfen. Frankreich wieder unterlag im kolonial-maritimen Ringen dem Rivalen Großbritannien. Nach die­ser gescheiterten Bewährungsprobe lebten sich die Bündnispartner rasch wieder auseinander, obwohl die Allianz bis 1 792 formal aufrecht blieb. Michael Hochedlinger

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