Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)

Bestände - V. Alltag

Alltag 175 7 Der Kaiser als Wohltäter in der Not 1912 Februar 1, Wien Unterstützungsgesuch der Brüder Maximilian und Rudolf Erler an Kaiser Franz Joseph I. Papier, ganz eigenhändig (Rudolf Erler), zwei Blatt, deutsch Kabinettsarchiv, Kabinettskanzlei Bittschriften, ad 1059/1912 Seit jeher richteten die Untertanen persönliche Bittschriften jeglicher Art an den Kaiser. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts stieg ihre Zahl dermaßen an, daß die Kapazität der kaiserlichen Kabinettskanzlei für eine gewissenhafte Prüfung jedes Falles nicht mehr ausreichte. Da die Hälfte aller Fälle Ansuchen der Wiener Armen um Geldunterstützung betraf, wurden seit dem Jahr 1880 die Unterstützungsgesuche aus dem Wiener Polizeibezirk samt einer bestimmten Gesamtsumme und der Aufforderung, diese Spende nach Würdigkeit zu verteilen, an den Polizeipräsidenten von Wien zur Bearbeitung weitergegeben. Unmittelbare Beteilungen seitens der Kabinettskanzlei erfolgten für Wien nur mehr für Beamte und Hofbedienstete sowie deren Witwen und Waisen, für verarmte Angehörige der besseren Stände und in dringenden Notfällen. Das Gesuch der Brüder Maximilian und Rudolf Erler, der Söhne des bekannten Bildhauers Franz Erler (1829-1911), die sich im Jahre 1912 - der Vater war offensicht­lich völlig verarmt gestorben, und sie selbst hatten ihre Studien als Maler bzw. Bild­hauer noch nicht beendet - an den Kaiser wandten, wurde von der Polizeidirektion Wien der Kabinettskanzlei vorgelegt. Dies geschah offenbar, weil sich die Bittsteller aus­drücklich auf die Verdienste ihres Vaters und die ihm dafür erwiesenen kaiserlichen Auszeichnungen und Gnadenerweise beriefen, u. a. auf einen allerhöchsten Atelierbesuch. Nach eingehender Prüfung - samt Feststellung des genauen Datums die­ses Besuches - wurde den beiden Brüdern eine einmalige Unterstützung von 100 Kronen gewährt. Gerhard Gonsa

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