Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)

Bestände - V. Alltag

V. Alltag 167 Man hat verschiedentlich darauf hingewiesen, daß die großen staatlichen Archive viel eher die Welt der Herrschenden dokumentieren als jene der Beherrschten, letztere eben nur dort, wo sie mit ersterer in Berührung gekommen ist. Das gilt auch für das Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Von seiner Genese her ein Archiv der hohen Politik, finden sich in seinen Beständen trotzdem zahlreiche Archivalien, die alltägliches Leben in manch­mal für den heutigen Betrachter vielleicht ungewöhnlichen Bildern darstellen. Als Fundstellen für alltagshistorische Fragestellungen empfehlen sich beispielsweise die verschiedenen Herrschaftsarchive, das Archiv des Reichshofrates oder das ins Archiv gelangte Verwaltungsschriftgut aufgelassener Klöster. Allerdings wird man mitunter auch in unerwarteten Beständen fündig: es kommt eben immer darauf an, welche „archäologischen" Sondierungsschnitte man durch die Masse der Überlieferung zieht. So zeigen die Illustrationen des Rheinfeldener Urbars verschiedene Alltagsszenen, die man in einer Handschrift dieser Gattung nicht vermuten würde. Die hier dargestell­te Szene zeigt zwei Fischer in Ufernähe, während zwei weitere Personen am Ufer mit Vorbereitungen für die Fischwaage beschäftigt sind (Nr. 2). In den Komplex der spät­mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ehrvorstellungen führt uns das drastische Bild, das Richard Puller von Hohenberg von seinem Schwiegervater, dem Straßburger Patrizier Hans Konrad Bock, im Mai 1471 anfertigen ließ, den er verkehrt herum vom Galgen baumeln läßt. Den Weg in das Archiv fand die Zeichnung über einen Akt des kaiserlichen Kammergerichts, bei dem der Geschädigte gegen seinen Schwiegersohn klagte (Nr. 1). In weiterer Folge gelangte die Zeichnung in das Archiv des Reichshofrats, in dessen „Antiquissima" sie noch heute verwahrt wird. Ebenfalls aus dem Archiv des Reichshofrates, das überhaupt eine exzellente Quelle für alltagsgeschichtliche Fragestellungen darstellt, stammt das Bild des Spitals der Stadt Buchau am Federsee, das in seiner anschaulich dargestellten Baufälligkeit gut die Nöte der Zeit während des Dreißigjährigen Krieges vor Augen führt (Nr. 5). Einer Auseinandersetzung zwischen einem Adeligen und der Stadt Schwäbisch Gmünd, die ebenfalls teilweise in Wien verhandelt wurde, verdanken wir das Bild der abgehauenen Finger, die ein Stadtbote verlor, als er in die Fänge der fehdeführenden gegnerischen Partei geriet. Zur besseren Veranschaulichung vor Gericht wurde eine Zeichnung der beiden Finger angefertigt, um hier als Beweisstück zu dienen (Nr. 9). In den 1620er Jahren entstand der Druck des Bamberger Malefizhauses, das unter anderem zahlreiche der Hexerei verdächtige Personen während ihrer Gefangenschaft beherbergte. Der Hexenwahn in Europa führte auf dem Gebiet des Hochstiftes Bamberg zu einer aufse­henerregenden Verfolgungswelle, der gesichert 884, wahrscheinlich aber um die 1.000 Personen zum Opfer fielen. Der Anteil der Frauen bei den Opfern betrug dabei etwa 75 Prozent, eine Zahl, die auch aus anderen Verfolgungsgebieten bestätigt wird (Nr. 8). Ein anderes Problem illustriert der Plan des Quecksilberbergbaus in Almádén in Spanien, wobei im dazugehörigen Bericht ausführlich die gefährlichen Arbeitsumstände beschrieben werden. Das Quecksilberbergwerk war über Jahrhunderte hinweg eine wichtige Einnahmequelle für die spanischen Finanzen; zeitweise stand es auch unter Leitung der Fugger (Nr. 4). Das Ende der Dunkelheit durch Einführung von Straßenbeleuchtungen ist sicherlich als Fortschritt anzusehen, umso überraschender mag es erscheinen, daß manchen Zeitgenossen diese Neuerung suspekt war. Das hier gezeigte Modell derTuriner Straßenbeleuchtung sah als Brennmittel für die Lampen Öl vor, ein Modell, das keine lange Zukunft haben sollte und bald durch Gas abgelöst wurde. Allerdings sah man vor, daß die Leuchtkraft durch Anbringung von Reflektoren in den Lampen verstärkt werden sollte (Nr. 3).

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