Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)
Bestände - II. Der Stoff, aus dem Geschichte ist
Der Stoff, aus dem Geschichte ist 109 9 Mit unsichtbarer Tinte 1686, Ofen/Buda Geheimnachricht Gabriel Schebins an Johannes Diodato und Markgraf Hermann von Baden Papier, sympathetische Tinte, armenische Sprache und Schrift, aufgedrücktes Lacksiegel, Doppelblatt Länderabteilungen, Hungarica 427 Geheime Nachrichten wurden gewöhnlich mit Chiffren („Ziffern") verschlüsselt, selten auch mit unsichtbarer Tinte geschrieben. Der in Wien ansässige, angesehene armenische Kaufmann Johannes Diodato beschäftigte sich nachweislich mit Alchemie und will nach eigener Aussage die im Jahr 1686 verwendete sympathetische Tinte selbst erfunden haben. Diodato handelte vorwiegend mit „türkischen Waren" und war dank seiner Beziehungen in der Lage, so gut wie alles liefern zu können: Er versorgte die Wiener Münze mit Bruchsilber, den Hofdolmetsch Meninski (siehe Nr. II/6) mit Übersetzungen türkischer Vokabel und den Hofkriegsrat mit geheimen Nachrichten aus Ofen (Buda), der belagerten Hauptstadt der osmanischen Provinz „Budun". Dazu bediente er sich eines armenischen Agenten namens Gabriel Schebin, von dessen Hand insgesamt 15 Kundschafterbriefe erhalten geblieben sind. In der Wiener Neustädter Burg konnte Diodato vor den Augen des Hofkriegsratspräsidenten Markgraf Hermann von Baden, dessen besonderer Schützling er war, die geheimnisvolle Nachricht über glühender Kohle sichtbar machen und sogleich auch übersetzen. Bei der Erstürmung der Festung Ofen am 2. September 1686 wütete die kaiserliche Soldateska gleichermaßen unter Muslimen, Christen und Juden; Gabriel selbst nahm drei Juden gefangen, konnte für sie aber kein Lösegeld erpressen, da er sie dem Hoffaktor Samuel Oppenheimer abtreten mußte, der seine Glaubensbrüder mit einer Pauschalsumme freigekauft hatte. Ernst Petritsch