1100 Jahre österreichische und europäische Geschichte in Urkunden und Dokumenten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1949)
1100 Jahre österreichische und Europäische Geschichte - Transkriptionen und Erläuterungen
100. 1890. Bismarcks Entlassung. Am 9. März 1888 starb Kaiser Wilhelm I. Ihm folgte sein Sohn Kaiser Friedrich III.; dieser starb am 15. Juni 1888. Ihm folgte sein Sohn Kaiser Wilhelm II. Am 20. März 1890 wurde Bismarck von Kaiser Wilhelm aus seinen Ämtern entlassen. Vgl. W. Schüssler, Bismarcks Sturz. 3. Auflage, Leipzig 1922; E. v. Wertheimer, Neues zur Geschichte der letzten Jahre Bismarcks (Historische Zeitschrift 133, 1926, S. 220 ff.). 100 a. 1890 März 26, Berlin. Fürst Bismarck dankt Kaiser Franz Joseph I. für dessen Handschreiben anläßlich seines Rücktrittes. Orig.-Pap., 2 Blätter: (21 bx27 h), Blatt 1' und 2V. — Faksimile verkleinert. Druck: Otto von Bismarck, Die gesammelten Werke, 11: Die Briefe 2, Berlin 1933, S. 99S n. 1817. Der Brief ist eigenhändig. Blatt 1T: Allerdurchlauchtigster Kaiser Allergnädigster König und Herr Eure Majestät wollen meinen ehrfurchts/vollen Dank für die huldreichen Worte des al/lerhöchsten Handschreibens vom 22. c. / in Gnaden entgegennehmen. Es macht mich glücklich, die Gewissheit des Wohlwollens / Eurer Majestät und die Erinnerung an Blatt 2 v: Majestät hat es mir nicht gestattet, und ich kann / dem hohen Herrn nur noch mit meinem Gebet zur / Seite stehn. Eure Majestät wollen mir huldreich verzeihen, / wenn der hohe Werth den ich auf Allerhöchstdero / Beurtheilung lege, mich bewegt, nur für Eure Maje/stät Selbst, die Thatsache festzustellen, dass ich ein zu / pflichttreuer Offizier und Vasall meines Herrn bin, / um Angesichts der Krisen die uns im Innern be/vorzustehn scheinen, meinen Posten freiwillig zu / verlassen. In tiefster Ehrfurcht ersterbe ich / Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät / unterthänigster Diener v. Bismarck. 100 b. [ Mikoletzky] 1890 April 3, Berlin. Kaiser Wilhelm II. schreibt an Kaiser Franz Joseph I. über den Rücktritt Bismarcks. Orig.-Pap., 10 Blätter: (21 b X 26-5 h), Blatt 10' . —- Faksimile etwas verkleinert. Druck: H. Schiitter, Briefe Kaiser Franz Josefs I. und Kaiser Wilhelms II. über Bismarcks Rücktritt (Österreichische Rundschau 58, 1919, S. lOOff.). Der Brief ist eigenhändig auf schwarzgerändertem Papier geschrieben. Berlin den 3/IV 1890. Bl Mein theurer Freund. Bei dem innigen und warmen Freundschaftsverhältniß, welches unsere Länder und vor Allem uns beide verbindet, und bei dem großen Vertrauen, welches Du ins besondere mir stets entgegengebracht hast, halte ich es für meine Pflicht Dir offen und klar einen vertraulichen Ueberblick zu geben über die Entwickelung und das schließliche Eintreten des Rücktritts des Fürsten v. Bismarck. Ich thue das auch umso lieber, als es für einen fernerstehenden Beobachter fast zur Unmöglichkeit wird, aus dem Wust von Vermuthungen, Kombinationen der Presse, verbunden mit offiziösen und halboffiziellen Entrefilets, sich einen faßbaren und verständigen Kern herauszuschälen. Meine Darstellung soll nur eine einfache Schilderung resp. Aneinanderreihung von Thatsachen sein ohne Polemik oder Kritik, die ich Dir ganz überlasse. Im Voraus will gleich bemerken, daß es keine Frage der Auswärtigen Politik ist, die zwischen dem Fürsten und mir zu Meinungsverschiedenheiten die Veranlassung bot, sondern rein innere meist taktische Gesichtspunkte. / Als im Mai vorigen Jahres der Kohlenstrike ausbrach und schnell die großen den ganzen Staat Bl in seinem gesammten Erwerbsleben bedrohenden Dimensionen annahm, wurde naturgemäß, nach Treffen der üblichen Sicherheitsmaßregeln durch Truppendislokationen etc., nach den Ursachen desselben geforscht. Es wurden Berathungen im Staatsministerium gepflogen, um die ich mich vorläufig nicht kümmerte, während ich durch meine Freunde — besonders durch meinen Erzieher den Geh. Rath Hinzpeter, der 103