Willi Klinkhammer: Krankenhausseelsorge im staatlichen und kirchlichen Recht - Studia Theologica Budapestinensia 21. (2000)
3. Die Praxis der Kirche - 3a) Der Krankenhausseelsorger
gie bereithält. Aber sie hat das Gefühl, daß eine solche Antwort noch nicht richtig am Platze ist. Sie würde nicht hilfreich sein, sondern die Auseinandersetzung, die gerade begonnen hat, wieder abbremsen. So sagt sie: „Ich kann auch nicht verstehen, wazm es solches Leiden auf der 'Melt gibt", und der Fortgang des Gespräches zeigt dann auch deutlich, daß der Patient gar keine Antwort erwartet hat. Er spricht weiter: „Ich habe Krebs und dann denke ich, es kann nicht wahr sein! Es gibt Menschen, die mit Lungenkrebs noch weiterleben. Oft glaube ich auch, die Ärzte haben sich geirrt. Das kann gar nicht wahr sein. Ich muß nur etwas tun. Gymnastik und so, damit ich bald hier raus komme, damit ich gesund werde und mein Leben weiter leben kann." Die Seelsorgerin stützt seine Hoffnung und seine Aktivität. Doch natürlich weiß sie auch, daß mit dieser Hoffnung die Angst und Verzweiflung nicht aufgehoben sind. Deshalb spricht sie seine Situation zwischen den beiden Polen noch einmal an: „Nur so, wie es Ihnen gerade geht, zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin und her gerissen zu sein und nichts tun zu können, das ist für Sie kaum auszuhalten." — „Nein", stimmt er zu, „das kann ich nicht aushal- ten. Daim möchte ich vorwärtsstürmen und endlich anfangen, etwas zu tun." — „Ja", sagt kurz darauf die Seelsorgerin, und der Mann verabschiedet sie mit den Worten: „Ich danke Ihnen, daß Sie bei mir waren. Unser Gespräch ist doch vertraulich? Ja, doch bestimmt. Denn sonst wären Sie nicht bei mir geblieben. " Damit gibt der Patient zu erkennen, welch positive Bedeutung dieser Kontakt für ihn hatte. Die Seelsorgerin ist bei seinem Aggressionsausbruch bei ihm geblieben. Sie ist nicht fortgerannt, um bei seinem Hustenanfall Hilfe zu holen, hat ihm sein Verhalten nicht zum Vorwurf gemacht, nicht mit einer Gegen-Aggression geantwortet, sondern hat ihm durch ihr Dabei-bleiben geholfen, einen ersten Schritt in Richtung des Verstehens und Verarbeitens seiner Situation zu tun. Das Widerfahrnis der Diagnose ist zur Erfahrung geworden. Damit das geschehen kann, braucht der Mensch ein Stück Begleitung auf seinem Weg. Seelsorge ist in diesem Sinne „begleitende Seelsorge, indem sie einen Prozess ermöglicht, den ein Patient in Anwesenheit eines Seelsorgers gegangen ist."170 170 Piper, Krankenhausseelsorge, S. 460. 43