Willi Klinkhammer: Krankenhausseelsorge im staatlichen und kirchlichen Recht - Studia Theologica Budapestinensia 21. (2000)

3. Die Praxis der Kirche - 3a) Der Krankenhausseelsorger

seine Fäuste gegeneinander. Die Seelsorgerin nimmt sich einen Stuhl und setzt sich hin. Sie will dem Mann zeigen, daß sie jetzt bei ihm aushält. Der Mann bekommt einen Hustenanfall mit großer Atemnot. Die Seelsorgerin reicht ihm die Brechschale und Zellstoff. Er kann beides nicht halten. So hilft sie ihm. Langsam wird er ruhiger, der Husten läßt nach, er kann wieder durchatmen. Erschöpft läßt er sich in die Kissen fallen. Die Seelsorgerin räumt auf und setzt sich wieder auf den Stuhl. Es entsteht eine Pause. Dann sagt der Patient: „Und der Doktor hat sie wirklich nicht geschickt?" Die Seelsorgerin antwortet: „Nein, ich habe mit dem Doktor noch gar nicht gesprochen. Ich bin hier, weil ich Sie noch nicht kenne und besuchen möchte." — „Kennen Sie meine Diagnose?" — „Nein. Als ich kam, wußte ich noch gar nichts von Ihnen außer Ihrem Namm. Jetzt ahne ich, daß Sie an der Lunge operiert worden sind. " Diese Eingangsphase ist typisch für viele Gespräche, in denen erst eine Beziehung zwischen dem Patienten und dem Seelsorger ge­knüpft werden muß. Der Patient vergewissert sich, warum ihn der Seelsorger besucht. Erst muß sein Argwohn beseitigt sein, die Seel­sorgerin sei vom Arzt geschickt worden und wisse nur zu gut über ihn Bescheid. Jetzt ist die Gesprächssituation offen und der Patient kann über sich sprechen. Der Patient berichtet von seiner Diagnose, einem bösartigen Ge­schwulst an der Lunge und wie „unmenschlich" man ihm das nahe­gebracht habe. Es ist müßig zu fragen, ob Arzt oder Pflegepersonal wirklich so unmenschlich mit diesem Patienten umgegangen sind. Auf jeden Fall empfindet der Patient seine Situation so, wie er sie zum Ausdruck bringt, und es hätte in diesem Augenblick nicht ge­holfen, wenn die Seelsorgerin versucht hätte, etwas mehr Objektivität in das Gespräch zu bringen oder Arzt oder Pflege zu verteidigen. Im Gegenteil: Sie hätte dem Mann ihre Bereitschaft, ihn zu begleiten, aufgesagt und das Gespräch wäre zu Ende gewesen. Aber sie bietet ihm ihre Solidarität an und versteht den Patienten mir seiner Aggres­sion. (...) Nun kann die Auseinandersetzung mit sich und seinem Geschick beginnen: „Ich frage mich dauernd, warum muß ich diese Krankheit haben? Warum kann Gott oder sonstwer das zulassen? Können Sie mir sagen, warum Gott solches Leiden zuläßt? Ich habe im Nachbarzim­mer jemanden gesehen, der an Lungenkrebs qualvoll zugrunde geht. " An dieser Stelle könnte die Seelsorgerin in Versuchung geraten, auf die Frage des Patienten eine Antwort zu suchen, die die Theolo­42

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