Willi Klinkhammer: Krankenhausseelsorge im staatlichen und kirchlichen Recht - Studia Theologica Budapestinensia 21. (2000)
3. Die Praxis der Kirche - 3a) Der Krankenhausseelsorger
ihnen gegenüber ihre Ängste und Befürchtungen, ihre Zweifel und Hoffnungslosigkeit aussprechen können."167 So wird von den Krankenhausseelsorgern selbst ihre Arbeit als Bemühung definiert, „im Zuhören, im richtigen Zuhören ... was hinter den Worten steht und ausgedrückt wird an Gefühlen, Ängsten und Wünschen, an Hoffnungen und Sorgen. Der Seelsorger muß darum zunächst einmal sehen, wo der Kranke steht und ihn dort abholen und begleiten in seinem inneren Prozeß." Nach dieser Erkenntnis muß der Priester nicht „in völliger Passivität"168 bleiben, sondern wird wahmehmen, was dem Patienten möglich und für ihn richtig ist. Wie ein seelsorglich begleiteter Prozeß in der Auseinandersetzung mit einer Bedrohung und unter dem Einsatz des Zeitfaktors aussehen kann, soll folgendes Beispiel demonstrieren:169 Eine Seelsorgerin will einen Patienten besuchen, der aber gerade zu einer Untersuchung das Zimmer verlassen hat. Im Nachbarbett liegt ein 35jähriger Mann. Der Seelsorgerin fällt als erstes seine angespannte Haltung auf. Er liegt wie sprungbereit im Bett. Die Hände sind zu Fäusten geballt, sein Gesicht wirkt, als wenn er die Zähne krampfhaft zusammenbeißt. Die Seelsorgerin spricht ihn an: „Guten Tag, Herr X. Ich bin Frau Y und arbeite als Klinikseelsorgerin hier auf dieser Station." Der Mann erwidert den Gruß nicht. Aggressiv bricht es aus ihm heraus: „Schickt sie Dr. Z zu mir?" — „Nein" — „Das glaube ich Ihnen nicht. Was sind Sie? Klinikseelsorgerin? Schickt der Kerl mir jetzt schon die Kirche?!" — „Sie sind sehr zornig auf den Doktor?" — „Zornig ist gar kein Ausdruck! Ich weiß nicht, was ich mit dem machen könnte." Die Seelsorgerin sagt nur ein etwas gedehntes „Ja" — und wartet ab. Es entsteht eine Pause. Dann fährt der Mann fort: „Wer bin ich denn hier? Eine Nummer bin ich für den Computer, mehr nicht! — Perfekte Operation, mit perfekten Maschinen. Mehr nicht!" Der Patient ist sehr unruhig. Sein Atem wird knapp und kommt stoßweise, von Hustenreiz unterbrochen. Er kann nicht recht abhusten. Plötzlich setzt er sich ruckartig im Bett auf. Die Seelsorgerin berkommt Angst um seine Infusion: er könnte sich die Nadel herausreißen. Er trommelt 167 Piper, a.a.O., S. 457. 168 Ludwig, Priester für Kranke und Sterbende, in: Lebendige Seelsorge 1 (1988) 169 Piper, Krankenhausseelsorge, S. 458-460. 41