Gudrun Bohle: Die Frage der Läuterung im Alten Testament - Studia Theologica Budapestinensia 20. (1998)

II. - II.1. Jesaja 6,1-11

verbunden mit einer Zeichenhandlung; es gibt sichtbare und spürbare Elemente. Dazu gehört die Glühkohle, die mit der Zange vom Altar genommen wird und die den Mund des Jesaja berührt.134 Die Zeichenhandlung ist keine menschliche Handlung, Jesaja selber muß dabei nichts tun.135 Es wird immer wieder vermutet, daß hinter diesem Akt mit der Glühkohle ein kultischer Brauch im Jerusalemer Tempel steht, der zur Reinigung vollzogen wurde. Nun ist zwar die Gedankenwelt und die Sprache aus dem Kult entnommen, aber es gibt keinen Anhaltspunkt für einen konkreten Kult. Auch mit den mesopotamischen Mundwaschungsriten oder den ägyptischen Mundöffnungsriten kann der Entsündigungsakt nicht verglichen werden.136 Eine kultische Zeichenhandlung bezeichnet meistens etwas, was vom Menschen ausgeht - eine Tätigkeit, die der Mensch nach einer bestimmten Vorschrift tut, um sich zu entsündigen bzw. mit Gott in Verbindung zu treten. Die vorliegende Zeichenhandlung entspricht dem nicht. Es geht vielmehr um den Versuch, eine Begegnung mit Gott zeichenhaft auszudrücken und erfahrbar zu machen. Das Wesentliche dabei ist die Vergebung der Sünde durch Gott137. 134 ebd., S. 253.: H.Wildberger schreibt, daß "IM in diesem Zusammenhang ein Geschehen der Gnade Gottes betrifft; dennoch hat es eine Bedeutung, daß dies unter Zeichen geschieht: "Jedenfalls liegt an der Glühkohle so wenig wie am Seraphen als Übermittler der Gnade. Daß aber die Entsündigung sich nicht nur im Ergehen des Wortes vollzieht, sondern sozusagen in einem sakramentalen Akt, unterstreicht die Realität und Tragfähigkeit des Vorgangs. " 133 O.Kaiser, ATD 17, 1981, S. 130f.: “Die Läuterung, die eigentlich durch die Erfahrung der majestätischen Übermacht und Reinheit des Heiligen und die Anerkenntnis der eigenen Fehlbarkeit selbst gewirkt wird, läßt der Erzähler seinem kultisch-rituell ausgelegten Verständnis des zwischen Gott und Welt bestehenden Verhältnisses gemäß als einen Reinigungsakt durch einen der Serafim vollziehen. " 136 B.Janowski, Sühne als Heilsgeschehen, 1982, S. 127f. 137 ebd., S. 129: Die Zeichenhandlung soll: “...den Bezug zum Heiligen in Gestalt eines zeichenhaften Ritus (v.6.7aa) als Berührung des Menschen mit einem Element aus dem geschauten Transzendenzbereich Gottes abbilden und dessen Sinn in der Form eines deklarierenden Wortes aus dem Munde des (im Auftrag Jahwes agierenden ) Seraphen (v. 7aß) als Weichen der Schuld und Vergebung der Sünde erschließen (v. 7b). " 65

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