Folia Theologica 21. (2010)
Fonk Peter: Sich dem unbegreifbaren Gott aussetzen. Sören Kierkegaards Kritika an der Hegelschen Trinitätsspekulation
SICH DEM UNBEGREIFBAREN GOTT AUSSETZEN 179 Unantastbarkeit der menschlichen Würde die Unverfügbarkeit Gottes immer schon voraussetze.24 Aus derselben Grundhaltung, dem Ressentiment gegenüber dem pathetischen Gestus universaler Erklärungskompetenz, kritisiert Kierkegaard auch ein weiteres, für Hegels Philosophie tragendes Grundanliegen: das Unternehmen „Geschichtsphilosophie". Es durchdringt das System vom Anfang bis zum Ende und holt vom Ende her die Bedingungen des Anfangs in gegenläufiger Bewegung wieder ein. Hegels Auffassung führt unvermeidlich in die faktische Doppelbestimmung einer Geschichte der Philosophie als Philosophie der Geschichte. Dass sie bei Hegel mit dem imposanten Ansinnen des Entwurfs einer Weltgeschichte verbunden wird, heißt in seinem Sinne nicht nach den Sternen greifen, sondern folgt einer logisch stringenten Sachgesetzlichkeit. Wie zu vermuten, begnügt Kierkegaard sich auch in dieser Frage nicht mit einer immanenten Detailkritik, sondern fragt kritisch nach den Voraussetzungen zurück. Unbeirrbar und zielstrebig legt er die Wurzel des gigantomachischen Übels frei: den verborgenen Gotteskomplex25 als Nährgrund einer beispiellosen Hybris. Kierkegaard will gern zugeben, dass eine weltgeschichtliche Gesamtschau möglich sei. Ebenso bereitwillig räumt er die Möglichkeit ein, eine Weltgeschichte zu schreiben. Aber - über diese Möglichkeit verfüge nur Gott; denn: „Für Gott ist die weltgeschichtliche Auffassung durchwirkt und mit seinem Mitwissen von den innersten Geheimnissen des größten und des geringsten Menschen im Gewissen" aber „[will] ein Mensch diesen Standpunkt einnehmen, dann ist er ein Narr."26 Nun könnte diese Narretei harmloser Natur sein und somit auf folgenloses Steckenpferdreiten eines Gelehrten hinauslaufen. Sie bleibt aber nicht dabei stehen, Vergangenes zu beschreiben, sondern erhebt auch den Anspruch, prädiktive Geschichtsschreibung sein zu können; das deshalb, weil sie in die notwendige Gesetzmäßigkeit im Gang des Geistes eingeweiht sei. Laut Kierkegaard ist aber ein so verstandenes historisches Wissen eine „Sinnestäuschung" (da es nur Approximationswissen sein kann), und das spekulative Resultat ist Blendwerk.27 24 Ebd. 25 Vgl. Zur Bedeutungsgeschichte dieses Begriffs: Richter, H. E., Der Gotteskomplex. Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen, Hamburg 1979. 26 UN 274. 27 Vgl. op. cit. 209.