Folia Theologica 21. (2010)

Fonk Peter: Sich dem unbegreifbaren Gott aussetzen. Sören Kierkegaards Kritika an der Hegelschen Trinitätsspekulation

180 Peter FŐNK Damit ist auch der Entwurf einer Weltgeschichte zukünftiger Ereig­nisse wertlos geworden. Kierkegaard erwägt nicht, welche Folgen die Verkennung ihres Scheiterns in politischer Hinsicht haben mag. Viel­mehr stimmt ihn bedenklich, dass der spekulative Historiograph of­fenbar bestens über die „privatissima unseres Herrgotts Bescheid weiß"28. Das Grundbedenken gegen Hegel, den Immanentismusverdacht, sieht er auch in dieser Beziehung nur wieder bestätigt. Das Unterneh­men „Weltgeschichte" konnte von Hegel nur deshalb in spekulativem Optimismus gewagt werden, weil er Weltgeschichte und Heilsge­schichte identifizierte. Dann aber gibt es kein Jenseitiges mehr; statt- dessen beansprucht das Diesseits eschatologische Dignität. Kierkegaard hebt hervor, dass sich nach Hegelschem Verständnis die Weltgeschich­te schon als Ort des nicht mehr endzeitlichen Gerichtes erweise. In ein­er bloßen Diesseits-Eschalotogie aber findet das Gottesverhältnis kei­nen Platz mehr.29 Kierkegaard hält dieser Auffassung die prinzipielle Ungleichzeitig­keit von Weltgeschichte und heiliger Geschichte entgegen. Diese Un­terscheidung entfaltet ihre eigentliche Brisanz erst im Rahmen seiner Beiträge zur Christologie. An dieser Stelle mag der Hinweis genügen, dass die Aufhebung des fundamentalen Unterschieds zwischen Gott und Mensch die quasi-religiöse Einschätzung der Profangeschichte be­dingt.30 Was heißt das in der Konsequenz? Es heißt, dass die Gleichsetzungs­formel von Weltgeschichte und Gericht die Umwandlung der Eschato­logie in Historiosophie bedingt und somit die christliche Hoffnung de- potenziert wird. Während die Eschatologie scheinbar ins Realistische gewendet wird, verliert sie ihren eigenen Gehalt und wird zu einer trügerischen Ersatzform ihrer selbst. Folglich verfälscht diese irrige Auffassung von (Welt)geschichte auch das Politische, weil es nun als Metapher vom Reich Gottes zur Rechtfertigung politischer Irrationali­tät missbraucht werden kann. So entstehen nur zu leicht falsche Mes­sianismen, die ihrem Wesen nach sehr rasch zu Totalitarismen entarten können.31 28 Op. cit. 215. 29 Vgl. E 195. 30 Vgl. E 230. 31 Vgl. Ratzinger, Eschatologie - Tod und ewiges Leben, Regensburg 1978.2 59.

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