Folia Theologica 21. (2010)

Fonk Peter: Sich dem unbegreifbaren Gott aussetzen. Sören Kierkegaards Kritika an der Hegelschen Trinitätsspekulation

SICH DEM UNBEGREIFBAREN GOTT AUSSETZEN 173 die Existenz niederstürzt, um mit aller Gewalt das doppelte aut-aut aufzuheben. Dies lässt sich nämlich in der Existenz unmöglich tun, denn dann hebt er zugleich die Existenz auf. Wenn ich die Existenz wegnehme (abstrahiere), so gibt es kein aut-aut, wenn ich es in der Existenz wegnehme, aber dann hebe ich es ja nicht in der Existenz auf."10 Offenbar vertritt Kierkegaard die Auffassung, Hegel habe die Auf­hebung der Widersprüche im menschlichen Dasein behauptet. Expres­sis verbis hat Hegel eine derartige Position aber nicht vertreten.11 Müssen wir Hegel dann so verstehen, er habe die Aufhebung des Wi­derspruchs in einem letzten Sinne in das Dasein Gottes verlegt? Offen­bar trifft diese Vermutung genau seine Intention, denn Hegel schreibt: „Die wahre Auflösung des Widerspruchs ist in der Idee enthalten, die das Sichbestimmen Gottes zum Unterscheiden seiner von sich selbst, aber das ewige Aufheben des Unterschiedes ist. Der belassene Unter­schied wäre Widerspruch: wenn der Unterschied fest bliebe, so ent­stünde die Endlichkeit. Beide sind selbständig gegeneinander und auch in Beziehung. Die Idee ist nicht, den Unterschied zu belassen, sondern ihn ebenso aufzulösen. Gott setzt sich in diesem Unterschied und hebt ihn ebenso auch auf."12 Mag sein, dass Kierkegaard mit Hegels Gedankengängen tatsächlich nicht bis ins Detail vertraut war. Der essentielle Schwachpunkt seines Denkens aber blieb ihm nicht verborgen. Die Aufdeckung der theologi­schen Prämissen, an denen Hegels System hängt, lässt die Berechti­gung des Kierkegaardschen Vorbehalts deutlich werden. Ob es daran lag, dass er der traditionellen Theologie in Form der lutherischen Orthodoxie weitaus näher stand als Hegel, oder ob er intuitiv eine wichtige Unterscheidung innerhalb der Trinitätsthéologie erfasste, sei dahingestellt. Hegel nämlich identifiziert die immanente Trinität mit dem dialek­tischen Pulsschlag seiner Logik. Das ist in der Tat eine höchst proble­matische Konsequenz. Aus der Perspektive des logisch Urteilenden verfällt er einer Metabasis eis allo genos, aus der des theologischen Kritikers frevelnder Hybris. Allerdings darf man bei der Formulierung 10 UN 465. 11 Vgl. Hegel, G. F. W., Vorlesungen über die Ästhetik, in Hegel, G. F. W., Theorie Werkausgabe, XIII. 137. 12 Hegel, G. F. W., Vorlesungen über die Philosophie der Religion, in Hegel, G. F. W., Theorie Werkausgabe, XVII. 225.

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