Folia Theologica 21. (2010)

Fonk Peter: Sich dem unbegreifbaren Gott aussetzen. Sören Kierkegaards Kritika an der Hegelschen Trinitätsspekulation

SICH DEM UNBEGREIFBAREN GOTT AUSSETZEN 171 bindlichen Formalkategorien des Positiven und des Negativen. Es han­delt sich zunächst nur um eine Bezeichnung, der im logischen Sinne Bedeutung zukommt. Der Begriff des Negativen involviert also nichts im moralischen Sinne Verwerfliches. Er besagt lediglich, dass dem Negativen jene Prädikate eignen, die von seinem Gegensatz, dem Positiven, eo ipso ausgeschlossen sind - und umgekehrt. Hegels Entdeckung korrigierte nachhaltig die bisherige Denkungs­art. Ihm wurde bewusst, dass in einem logischen Verhältnis das Posi­tive ohne das mitgesetzte Negative gar nicht ausgesagt werden kann. Dasselbe gilt umgekehrt genauso. Daran hängt eine höchst folgenre­iche Konsequenz. Sie entlässt aus sich die Möglichkeit einer Dialektik, in der die Gegensätze notwendig und vermittelbar zugleich erschei­nen. Wenn es sich so verhält, dass das Positive ohne das Negative nicht ausgesagt werden kann, müsste der Widerspruch einem tieferen Den­ken erkennbar werden als Entzweiung einer ursprünglichen Einheit. Erst diese stellt seine Möglichkeitsbedingungen bereit. Der Vermeidung möglicher Missverständnisse wegen sei sogleich hinzugefügt, dass es nicht beliebig konstruierte Gegensätze sind, die Hegel im Blick hat. Ein solcher wäre etwa der Gegensatz Baum - Pferd. Hegel hingegen richtet die intellektuelle Anstrengung auf solche Gegensätze, die als widersprüchliches Begriffspaar notwendig zusam­mengehören. Dazu zählen Gegensätze wie Licht und Finsternis, Vater und Sohn. Der spontan urteilende Alltagsverstand sagt, dass diese und vergleichbare Beispiele - etwa Krieg und Frieden - für Nichtidentität stehen. Die Hegelsche Dialektik verfährt subtiler. Sie bezieht die Ge­gensätze aufeinander, vermittelt sie und legitimiert von daher ihren Anspruch als Identitätsphilosophie. Ihr Einwand gegen die klassische Lehre des Satzes vom Widerspruch lautet: Zwar scheint z. B. das Licht der strikte Gegenbegriff zur Finsternis zu sein. Doch hat er damit sein Gegenteil ausgeschlossen? Wenn überhaupt, so der Kern der Über­legung, mit dem Begriff des Lichtes etwas Bestimmtes ausgesagt wer­den soll, muss die Möglichkeit eines von ihm unterschiedenen Entge­gengesetzten bereits mitgegeben sein. So bringt der Begriff des Lichtes, wird er als Position ausgesagt, den Begriff der Finsternis als seine notwendige Negation schon mit sich. In diesem Sinne trifft es zu, dass jede Position die ihr zugehörige Negation schon mit einschließt. Bezo­gen auf die umstrittene Vermittlungskategorie zwingt die Dialektik zum Umdenken. Dies bedeutet, dass das Positive - in diesem Falle das Licht - seine Identität nicht unmittelbar an sich selbst hat. Es gewinnt

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