Folia Theologica 21. (2010)

Fonk Peter: Sich dem unbegreifbaren Gott aussetzen. Sören Kierkegaards Kritika an der Hegelschen Trinitätsspekulation

170 Peter FŐNK Anstatt zu sagen, das Identitätsprinzip hebe die Kontradiktion auf, ist es die Kontradiktion, die die Identität aufhebt."8 Das prinzipielle Problem, das Hegels Neu- bzw. Uminterpretation des Satzes vom Widerspruch dem christlichen Glauben aufgibt, ist nach Meinung Kierkegaards ein dreifaches. Erstens wird die Realität der Sünde logisch aufgelöst und zu einer Durchgangsstufe verharm­lost. Der Ernst jener endgültigen Entscheidung für oder gegen Gott hat damit keinen Bestand mehr. Gegen diese Grenzverwischung wendet Kierkegaard sich nachdrücklich in seinen Schriften „Der Begriff der Angst" und „ Krankheit zum Tode". Das zweite Problem sieht Kierkegaard in dem praktischen Resultat des moralischen Indifferentismus. Die echte ethische Wahl wird un­möglich, wenn die Alternative des Widerspruchs ihre Bedeutung ver­liert. Gegen diese Folgeerscheinung kämpft er in seinem Erstlingswerk „Entweder-Oder", das schon im Titel eine Bekenntnisaussage enthält. Drittens schließlich wird als Folge der absolute Unterschied zwi­schen Gott und Mensch verwischt. Die Inkarnation verliert die Ge- heimnishaftigkeit ihres Ursprungs im unerforschlichen Ratschluss Gottes. An ihre Stelle tritt die spekulative Lehre von einem allgemei­nen Gottmenschentum. Mit dieser Folgeerscheinung setzt sich Kier­kegaard am schärfsten wohl in seiner „Einübung im Christentum" auseinander. Diese dreifache Problemstellung leitet Kierkegaard aus Hegels Um­interpretation des Satzes vom Widerspruch ab, indem er deren ge­dankliche Konsequenzen weiterentwickelt bis zur christlichen Lehre von der Sünde, der Inkarnation und der Ethik. Gewiss bedarf es einer eigenen Untersuchung, um die Berechtigung von Kierkegaards Vor­wurf endgültig zu entscheiden, Hegel habe den Satz vom Widerspruch aufgehoben. Doch selbst wenn das hier nicht geschehen kann, soll doch das einschlägige Kapitel in Hegels „Wissenschaft der Logik" an­geleuchtet werden. Hegels Überlegungen scheinen Kierkegaard zunächst Recht zu ge­ben. Er (Hegel) untersucht, wie Widersprüche zustande kommen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sie aus jeweils einem Paar sich schein­bar ausschließender Gegensätze bestehen. Hegel bezeichnet die sich widersprechenden Seiten des Gegensatzpaares mit den allgemeinver­8 UN 600.

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