Folia Theologica 18. (2007)

Imre Koncsik: Synergetische Hermeneutik - Grundlagen und Perspektiven

SYNERGETISCHE HERMENEUTIK 101 lieh ihr Streben nach Vereinheitlichung und Einigung zugunsten eines neuen "Ganzen" zu konstatieren unter Inkaufnahme der Eli­mination inhibitorischer Differenzen zugunsten der Selektion do­minanter Prozessphasen, die sich autonom und spontan selbst ver­stärken und auswählen. Die Selektion prozessualer Ablaufmuster entbehrt eines zureichenden Grundes, der informativ und zumin­dest im Sinne der "Zügelkontrolle" ("chaos control") minimal ener­getisch zugleich wirken müsste, um eben die ausgelösten passiven Wirkungen zu koordinieren. Gegenwart ereignet sich hier als Ver­gegenwärtigung sich durchsetzender zyklisch und evolutiv zu­gleich wirkender kinematischer Prozesse zusammen mit der Eta­blierung damit korrespondierender dynamischer Strukturen. Selbstorganisation wird daher auch vereinzelt mit dem Begriff der Versklavung assoziiert, das den Fokus auf das holistische Zu­sammenwirken lenkt. Neutraler sollte eher von Gratuität gespro­chen werden als wundersame Selbsteliminierung von Differenzen zwecks Herstellung einer funktionierenden und wirkenden Selbst- bezüglichkeit resp. internen Relationalität. Sie wird wiederum durch externe Relationen konstituiert und vermittelt, also durch „universellen" Input von „blinder" unspezifizierter Energie, philo­sophisch gesprochen: von ideellem Sein und der automatisierten Umsetzung transformierender Wirkung. Gerade beim Begriff der Selbstorganisation wird die Defizienz eines metaphysischen Koprinzips manifest, das die Überladung und „Begabung" der Elemente41 im Dienst ablaufender Prozesse sichert; dabei bezieht sich die energetische und informative Überladung so­wohl auf den physischen wie auf den metaphysischen Bereich, so­41 „Begabung“ ist ein Begriff, der bereits bei Gustav Siewerth auftaucht und die metaphysische Umfassung des Physischen intendiert. Vgl. Das „Werden“ und „Reifen“ des Menschen ist primär ein „Empfangen“ (SIEWERTH, G., Meta­physik der Kindheit, Einsiedeln 1957 (1963 ;, 113-114). Das Wesen der emp­fangenen „Begabung“ ist: „Das Dasein kann nicht ek-sistieren ohne einwoh­nende Insistenz; es kann nicht insistieren ohne zu existieren“ (unveröffent­lichte Schrift: Das Wesen der Begabung (um 1960 verfasst), 113 S., 93). Be­gabung ist die ontologisch dem Selbstvollzug korrespondierende Empfängnis des Seins. Das Reifen und Werden ist daher „eine währende, den Wesens­grund selbst aufschließende und bestimmende Selbstvollendung.“ (Hinfüh­rung zur exemplarischen Lehre. Aufsätze und Beispiele von G. SIEWERTH, Freiburg i. Br. 1965, 43, Anm. 2).

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