Folia Theologica 17. (2006)

Imre Koncsik: Künstliche Intelligenz - was kann die Dogmatik zur Diskussion beitragen?

92 I. KONCSIK Sein, das von allen Seienden im Sinn eines „appetitus ad esse" in­tendiert wird. Es kann auch eine interessante Analogie der biographischen Ge­nese des „Volkes Gottes" zur autopoetischen Genese neuronaler Repräsentationen der Umwelt in Form von synergetisch zustande kommenden Resonanzen gezogen werden69: ein komplexes Gehirn ist bekanntlich in der Lage, das visuell informierende Input immer „abstrakter" zu bearbeiten und immer komplexere Repräsentatio­nen seiner Umwelt via Resonanz zu generieren - hier wird zusätz­lich auf den informationellen Gehalt des Inputs hingewiesen, der als Qualitätsgehalt prinzipiell nicht quantitativ reduziert werden kann. Verschiedenen informationsträchtigen Resonanzebenen sind verschiedene neuronale Ensemble-bildungen zuzuordnen, die wie­derum verschieden qualifizierte Reflexionsniveaus repräsentieren. Dabei disponiert das Kriterium einer nie völlig zu erreichenden Einheit der Interpretation der Umwelt (was auch immer eine Infor­mation generierende und nicht nur rezipierende Potenz antizi­piert) die Kohärenz der Wahrnehmung. Hier scheint eine Analogie zu dem ekklesialen Wachstum hinsichtlich der Selbstorganisation, Selbstrealisierung und der Emergenz höherer Ordnungseinheiten und wirksamen „Seinsstufen" auf: die Kirche wächst in ihrem Kom­plexitätsgrad und ist immer mehr in der Lage, neue „Resonanzen" zum himmlischen Reich Gottes in dieser Welt herzustellen. Die me­taphysische Wirkung der transzendenten Einheit des „Seins" - des Reiches Gottes -, welche als Drang nach Einigung und Einheit ma­nifest wird, ist die Möglichkeitsbedingung der autopoetischen und indeterminierten (und zugleich disponierenden) Selbstorganisation der Kirche. Daher ist die geschichtlich bedingte und der Geschichte ausgesetzte „zufällige" Evolution der Kirche eine - horizontal beob­achtbare und pragmatisch-funktional beschreibbare - Seite ihrer prozessualen und dynamischen Wirklichkeit. Die andere Seite ist der metaphysisch mehrdeutige und positiv die Kirche frei zu sich selbst eröffnende informierende Input im Sinne von apodiktischen Möglichkeitskriterien ihrer Entwicklung in Raum und Zeit. Das „Gesetz" der ekklesialen Entwicklung ist metaphysischer und divi­69 Zum folgenden siehe die immer noch aktuelle klar verständliche Darstellung in: Der Mensch und sein Gehirn, ....

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