Folia Theologica 17. (2006)

Imre Koncsik: Künstliche Intelligenz - was kann die Dogmatik zur Diskussion beitragen?

DIE SUCHE (NACH) DER WAHREN KIRCHE 91 zu fassenden - Antriebs gefasst, dann ist die Entwicklung der Kir­che nichts anderes als der Impetus der göttlich einbrechenden Ein­heit auf die faktisch noch unvollkommene ekklesiale Einheit67. Kir­che wäre hier die dynamisch-aktuale und geschichtskonstitutive Manifestation einer göttlich universalen Wirkung „im metaphysi­schen Hintergrund", der fundiert und finalisiert ist durch das Chri­stusereignis als Durchbruch ihres gottmenschlichen Ursprungs. Ab­hängig vom göttlichen Antrieb formiert und konsensualisiert sich die Gemeinschaft der Heiligen in horizontaler „Brechung": der hi­storisch werdende christologische Ursprung legt sich authentisch horizontal in der apostolischen Urkirche aus, um von dort bis in die heutige Kirche hinüber zu reichen68. Das klassische Transzendenta­le des Seins - die Einheit - ist demnach Kriterium des schöpferi­schen Dranges nach einem qualitativ sich kumulierenden „Mehr", so dass neue „Vereinheitlichungsebenen" und Einheiten höherer Komplexität evolvieren. Komplexität kann hierbei funktional defi­niert werden als Grad der Reaktions- und Aktionsmöglichkeiten im Sinn optimaler Adaptation: die Kirche passt sich dogmatisch reflek­tiert immer besser ihren Randbedingungen an, was sich u.a. an der ökumenischen Bewegung ablesen lässt. Adaptation jedoch meint nicht die schlichte Anpassung an spezifische Gegebenheiten - hier­für wäre keine Komplexitätssteigerung erforderlich -, sondern die Anpassung an ein ontologisch-reales Maximum an „vertikalem" 67 Kraft der analogen Grundstruktur der katholischen Kirche erfolgt ihre Evolu­tion: formal entspricht die katholische Kirche der Apriorität einer wirkenden Einheit, welche alle Nicht-Einheiten und Inkonsistenzen auszuschließen ver­mag - das Prinzip der Selektion. Der Drang nach Union ist ständig als impel- lativer Motor am Werk - das Prinzip der Mutation und Evolution. In diesem engen Interpretationshorizont des evolutionären Konzeptes kann von einer Evolution der Kirche gesprochen werden. Sie wird von der Sicherheit und Er­folgswahrscheinlichkeit als „absolute Sicherheit in Nichtigkeit“ getragen. 68 Man beachte hierzu den Kommentar von Pannenberg, W., Ethik und Ekkle­siologie. Gesammelte Aufsätze, Göttingen 1977: „Gerade in solcher Rückbe­ziehung auf den apostolischen Ursprung und auf die Kirche der frühen Chri­stenheit machen sich nun aber auch die Gegensätze zwischen den heutigen Kirchen bemerkbar; denn jede von ihnen versteht sich selbst als die authenti­sche Fortsetzung der christlichen Anfänge in der Gegenwart und erblickt in den anderen Kirchen Abweichungen vom apostolischen Ursprung und der diesem Ursprung gemäßen Kirche der ersten Christen.“ (212). - Je weniger demnach die Differenz der horizontalen (zeitgeschichtlichen) Einheit der Kir­che prävalent wird, umso authentischer ist ihre aktuelle Gestalt.

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