Folia Theologica 17. (2006)

Imre Koncsik: Künstliche Intelligenz - was kann die Dogmatik zur Diskussion beitragen?

90 I. KONCSIK Selbstüberschreitung Ekklesiologisch kann basierend auf dem heilsgeschicht­lich-dynamischen Charakter der Kirche63 das Prinzip der Selbstüber­schreitung durch die faktische Selbsttranszendenz der katholischen Kirche in Anlehnung an die Konzeption der Dogmengeschichte und -entwicklung konkretisiert werden. Eine ekklesiale Entwicklung er­gibt sich aus der analog differenten Einheit von Profan- und Heilsge­schichte, insofern der primäre Gegenstand der Heilsgeschichte die katholische Kirche in ihrer proexistentiell fundierten substantiellen Funktion ist. Das erinnert an die im Grunde heilsgeschichtlich anset­zende Konzeption der Kirche als andauernde Fleischwerdung des Sohnes Gottes64 - bis zu ihrer erst eschatologisch einzuholenden Vollgestalt der Christifikation im teilhardschen Omega-Punkt65. Die natürliche Evolution besitzt eine Parallele in Form der Evo­lution der katholischen Kirche, insofern ihre „Biographie" unter Ausblendung des permanent (in-)formierenden Unionszentrums hinsichtlich der materialen Effekte reflektiert wird. Wird Selbstor­ganisation als Drang zur Vereinheitlichung via dynamischer Eini­gung durch Äquilibrierung und Harmonisierung bestehender Dif­ferenzen66 aufgrund eines permanenten - wie auch immer näher 63 So zurecht Leonardo Boff (Kirchliche Basisgemeinden, Mettingen 1982, 37-46), der von einer gewissen Ekklesiogenesis spricht. Denn: „Die Kirche ist hier mehr als eine Organisation, sie ist ein lebendiger Organismus, der sich von seiner Basis her ständig neu belebt, nährt und erneuert.“ (42). Freilich sollte nicht die immer neu sich ereignende geschichtlich-werdehafte Konsti­tution der Kirche „von unten nach oben“ nicht gegen ihre primäre Konstitu­tion „von oben nach unten“ ausgespielt werden. 64 Johann Adam MÖHLER, Symbolik oder Darstellung der dogmatischen Ge­gensätze der Katholiken und Protestanten nach ihren öffentlichen Bekennt­nisschriften (1832), hg. von J. R. GEISELMANN, Darmstadt 1958, § 36. „So ist denn die sichtbare Kirche, von dem eben entwickelten Gesichtspunkte aus, der unter den Menschen in menschlicher Form fortwährend erscheinende, stets sich erneuernde, ewig sich verjüngende Sohn Gottes, die andauernde Fleischwerdung desselben, so wie denn auch die Gläubigen in der Heiligen Schrift der Leib Christi genannt werden.“ (ebd. 389). 65 Teilhard de CHARDIN, Wissenschaft und Christus (Werke, Bd. 9), Olten, Freiburg i. Br. 1970, 219f 66 Bereits Charles Darwin fasst den Kampf ums Dasein durchaus positiv als ak­tives Ringen um Harmonie - und nur sekundär als Extinktion anderer Lebens­formen.

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