Folia Theologica 17. (2006)
Imre Koncsik: Künstliche Intelligenz - was kann die Dogmatik zur Diskussion beitragen?
88 I. KONCSIK Diese Einheit ist gemäß dem o.g. Glaubensaxiom maximal real, sowohl bezogen auf die realen „Träger" der ekklesialen Einheit als auch bezogen auf die Realität der göttlichen Initiative seitens der dritten Person der Trinität, dem Heiligen Geist. Sein „Tempel" ist primär die unsichtbare Kirche nicht im Sinn eines mystisch uniden- tifizierbaren Bereiches, dessen Gegebensein oder Nichtgegebensein subjektiv willkürlicher Interpretation anheim gestellt werden müsste, sondern im Sinn des real fokussierenden Einigungszentrums der sichtbaren Kirche, welche auf sie konstitutiv hingeordnet ist. So lebt und west die sichtbare Kirche kraft der unsichtbaren Kirche; die sichtbare Kirche ist eine Kirche der Sünder, die unsichtbare Kirche ist heilig. Die unsichtbare Kirche ist nicht platonisierend einfach das formalisierte, abstrahierte und bereinigte Wesen der Kirche, auch bildet sie keine wahre und eigentliche „pneumatische" Kirche neben der katholischen Kirche und liegt somit nicht in derselben „horizontalen" Ebene wie die sichtbare Kirche. Vielmehr charakterisiert sie das „vertikal" Verborgene, das offenbar werden soll als ein Keim, der im Aufbrechen in den Ereignisbereich raumzeitlich manifester irdischer Wirklichkeit begriffen ist. Eine weitere Eigenschaft der unsichtbaren Kirche ist ihre Mehrdeutigkeit, die sich als eine ontologische Haupteigenschaft der klassisch bereits bestimmten „Essenz eines Seienden" ist. Entgegen pla- tonisierenden Vorstellungen handelt es sich ontologisch nicht um eine fixe Form, was hier u.a. eine erstarrte Perfektion der unsichtbaren Kirche zur Folge hätte; eher kann im Sinn eines modernen Hylemorphismus von einem dynamischen Interaktionsverhältnis zwischen der materialen, sichtbaren und der formalen, unsichtbaren Kirche ausgegangen werden. Mehrdeutigkeit meint nicht die Möglichkeit entgegengesetzter Manifestationen der unsichtbaren Kirche, sondern die noch nicht realisierte und pluripotente Wirkmöglichkeit, welche äquivalente Realisierungen hinsichtlich Raum und Zeit zulässt: die katholische Kirche des 11. Jahrhunderts ist ebenso eine eindeutig zugeordnet werden könnende Realisierung der unverborgen. Die Kirche ist demnach die strikte Einheit des äußeren Leibes mit dem inneren christologischen Lebensprinzip. PIUS XII, Enz. „Mystici Corporis“ (1943) (AAS 35 (1943) 193-248), identifiziert dann die katholische Kirche mit dem „mystischen“ Leib Christi.