Folia Theologica 17. (2006)
Imre Koncsik: Künstliche Intelligenz - was kann die Dogmatik zur Diskussion beitragen?
78 I. KONCSIK Formale Kriterien Bevor zwecks Bewertung der Modelle auf der Suche nach der wahren Kirche formallogische Kriterien genannt werden, können dogmatische Evaluierungskriterien eruiert werden41, anhand derer sichtbare Gemeinschaften mit ihrem Anspruch, die wahre Kirche des Herrn darzustellen, gescannt und bewertet werden können - ohne dass dabei eine konkrete Bewertung bzw. Einzelfallanalyse getroffen wird, da sich diese in jedem faktischen Einzelfall nur idealisierend und konditional unter „Wenn-Dann"-Bedingungen erreichen lässt und den Rahmen des Beitrags sprengen würde. Worauf jedoch im praktischen Einzelfall geachtet werden sollte, ist die je vertretene theoretische Ausarbeitung und Evaluation der Differenzen zwischen a) sichtbarer und unsichtbarer Kirche, b) mystischem, realem und historischem Leib Christi, c) zwischen sakramentaler und in-voto-Gnade bzw. zwischen einem konsistent-vollständigen Heilsweg und relational auf es bezogenen Heilselementen, d) zwischen Heiligkeit und vermeintlicher Sündigkeit der Kirche (inklu- siv der Differenzpaare: unfehlbar-fehlbar, rein-beschmutzt, Amtsgnade-persönliche Gnade), e) zwischen Heilsgeschichte und Profangeschichte sowie zwischen Evolution und Kontinuität (inklusive der Bestimmung der sog. Dogmengeschichte als Geschichtlichkeit oder Geschichte der Dogmen und der sich in ihnen konstituierenden Kirche). Dabei sind die Bezüge zwischen a-d-e offenkundig, insofern die ekklesiale Unsichtbarkeit mit ihrer Heiligkeit und der Heilsgeschichte konnotiert und assoziiert werden kann. Letztlich geht es in diesen Evaluierungskriterien um die faktische Bestimmung und nähere Ausarbeitung der essentiellen Analogie der Kirche, wie sie im Modell 5 präzisiert wird: so besteht ontologisch sowohl eine „horizontale" (Sichtbarkeit, sündige Glieder, Profangeschichtlichkeit) als auch eine „vertikale" Analogie (Unsichtbarkeit, Heiligkeit, Heilsgeschichtlichkeit) der Kirche42 und somit 41 Sie lehnen sich nur partiell an die klassischen „notae ecclesiae“ an, insofern die folgenden Kriterien universeller sind. 42 BALTHASAR, Hans Urs v., MySal III/2, 133-326, betont dankenswerterweise eine diesbezüglich geltende weitere Analogie: die unvermischte und ungetrennte Einheit von Amts- und Liebeskirche. Der Heilige steht in Spannung zum Amtsträger - wie nach dem Johannes-Evangelium Petrus und Johannes