Folia Theologica 17. (2006)
Imre Koncsik: Künstliche Intelligenz - was kann die Dogmatik zur Diskussion beitragen?
106 I. KONCSIK und leitet, schafft diese wunderbare Gemeinschaft der Gläubigen und verbindet sie in Christus so innig, dass er das Prinzip der Einheit der Kirche ist" (UR 2). Die Einheit gehört somit zum Wesen der Kirche und kann zurecht als Ur-Kennzeichen definiert werden. Freilich meint diese Einheit stets die Vermittlung durch konstruktive Differenzen: das zeigt sich sowohl in ihrer diachronen geschichtlichen Differenzierung an als auch in der synchron gegebenen Mannigfaltigkeit ihrer Konkretisierungen. Bereits 1 Kor 12, 4 - 31a gebraucht den organischen Vergleich der Kirche mit dem einen Leib und den vielen Gliedern. „In der kirchlichen Gemeinschaft gibt es zu Recht Teilkirchen, die über eigene Überlieferungen verfügen" (LG 13). Erst durch dynamische Interaktion der differenzierten Strukturen kommt es ekklesiologisch zu synergetisch relevanten Effekten im Sinn des organischen Wachstums der Kirche. Sie repräsentiert die Macht des Wachstums des Reiches Gottes nach dem biblischen Senfkorn-Motiv. Negative Differenzen hingegen treten auf, wenn die Einheit der Kirche gefährdet wird durch Entgegensetzungen, Anathematismen als Re-Definition der Gemeinschaftszusammengehörigkeit, bis herauf zu Kämpfen und Kriegen aus konfessorischer Motivation heraus. So ist bereits nach 1 Kor 11, 18-22 die Spaltung ein Widerspruch zur Gemeinde Christi. „In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen aufgekommen, die der Apostel als schwer verwerflich tadelt; in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Uneinigkeiten entstanden, und es trennten sich nicht unbedeutende Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, bisweilen nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten" (UR 3). Zu den Spaltungen, welche die Einheit des Leibes Christi verwunden (man unterscheidet dabei die Häresie, die Apostasie und das Schisma)95, kommt es nicht ohne die Sünden der Menschen: „Wo Sünden sind, da ist Vielheit, da sind Spaltungen, da Sekten, da Streitgespräche. Wo aber Tugend ist, da ist Einmütigkeit, da Einheit, weshalb alle Gläubigen eines Herzens und einer Seele waren"96. Negative Differenzen können als Zeichen der Vorläufigkeit des Reiches Gottes „auf Erden" und als Tribut an die faktische Gefallenheit gewertet 95 Vgl. CIC, can. 751 96 Origenes, horn, in Ezech. 9,1