Folia Theologica 12. (2001)

Zoltán Rokay: Die Selbstverwirklichung des Menschen in der Philosophie von J. G. Fichte

DIE SELBSTVERWIRKLICHUNG DES MENSCHEN 53 6. Die „Aktualität" des Fichte'schen Gedankens von Selbstbestimmung Nachdem wir es versucht haben darzustellen, wie Fichte die Selbstbestimmung des Menschen versteht, möchten wir einen Blick auf die Aktualität dieses Gedanken werfen. Unser Ausgangpunkt war der Artikel „Selbstverwirklichung" im Historischen Wörterbuch der Philosophie. Dort werden H. Krämer, F. Kambartel und M. Theu- nissen als Vertreter aktueller philosophischen Theorien der Selbst­verwirklichung angeführt. 1. H. Krämer (Die Frage nach dem Glück, 1978; Die integrative Ethik, 1992): nach ihm ist die Selbstverwirklichung zu verstehen als ein Vorgang, als Selbstzueignung durch Weltzueignung, wodurch sich das wahre selbstaktualisiert. „Das wahre normative Selbst ist dabei dasjenige Selbst von dem her wir uns wählend verstehen, und der Entwurf auf den hin wir uns verwirklichen."92 „Eine Kritik an gängigen Begriffen von Selbst und Selbstverwirklichung müßte gerade in ihrer vermeintlichen Weltlosigkeit ansetzen."93 Die Kon­vergenz mit Fichte zeigt sich in den Ausdrücken wie Wahl und Ent­wurf. In der Bestimmung des Menschen meldet sich der Gedanke der Weltzueignung als Weltverbesseung, obwohl die Kritik auch Fichte trifft, da er das „Nicht-Ich" ( = Welt) als eine Kreatur des Menschen und als Material der Pflichten versteht."94 2. F. Kambartel (Universalität als Lebensform, in W. Gelmüller (Hg.), Normenbegründung - Normendurchsetzung, 1978) behaup­tet „Selbst" sei weder ein Name, noch Prädikator. Daher ist auch die Selbstverwirklichung nicht die Entfaltung eines irgendwie gearte­ten „wahren Selbst", sondern „das wahrhaft gute Leben",95 d.h. „das eigen Leben aus eigenem (nämlich selbst einsichtig gefaßten) Entschluß um seiner selbst willen führen zu können, sich selbst als eigener ,Zweck an sich selbst' begreifen zu können."96 So ein Leben 92 Integrative Ethik, S.31. 93 Ebd. S.22. 94 FICHTE, WNM GA IV,2. S.97,3-5: „Kant sagt nemlich: man macht sich Gott - ganz richtig; allein ebenso macht man sich die Welt.” „unsere Welt ist das versinnlichte Material unsrer Pflicht.” (Über den Grund unseres Glaubens... F. Werke in VI. Bden, Bd. III. S.129.) 95 KAMBARTEL, Universalität... Diskussionsprotokoll, 19. 96 Ebd.

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