Folia Theologica 2. (1991)
László Boda: Aspekte zur Theologie der Selbstverwirklichung
94 L. BODA „These”). Nach seiner Bekehrung klopfte er bald ans Tor eines Klosters der Trappisten. Da hatte er gemeint, dass er sein eigenes Wesen und damit auch sein „Selbst” aufopfem soll. Es würde eine radikale Hingabe gewesen sein, die mit der Selbstverwirklichung wahrhaft unvereinbar ist. Er hatte gemeint, dass seine Lebensaufgabe im Kloster das Gebet und die harte physische Arbeit wird und dass in seinem Lebensopfer seine literarischen Anlagen vernichtet werden. Durch seinen neuen Namen „Bruder Louis” wird sein ursprünglicher Name „Thomas Merton” in Vergessenheit geraten (Die „Antithese”). Das war aber eine fromme Illusion. Der Anordnung seines Vorgesetzen folgend, hat er Bücher und Gedichte geschrieben. Seine Bücher haben ein lebhaftes Echo gefunden. Seine Autobiographie z.B. stand 20 Jahre lang auf der Bestsellerliste. Er wurde weltbekannt und durch seine Bücher ist er auch heute der Seelsorger vieler Vertreter der katholischen Intelligenz. Merton schreibt so: „Unsere Selbstaufopferung ist nicht dasselbe, als unsere Selbstvemichtung”. Der Wille Gottes ist auch das, dass wir unser eigenes „Selbst” finden können. Der Wille Gottes richtet sich darauf, „dass mein eigenes Wesen in Christo gefunden, geäussert und erfüllt sei”.21 In seiner Autobiographie schreibt er: „Wenn jemand sich von der Welt abschliesst, wird er selbst nicht weniger, wird er keine minderwerige Persönlichkeit. Im Gegenteil: er wird zu seinem vollkommenen, wahren und authentischen Selbst geraten”.22 (Die „Synthese”), e.) Die Gnade erfüllt die Natur. Der Tod des „Ich” bedeutet also das Leben des „Selbst”. Das gilt auch für das Leben der Heiligen. Auch von diesem Aspekt aus kann für die christliche Spiritualität eine wichtige Konklusion eingeführt werden. Diese Konklusion wird so formuliert: die Gnade individualisiert die Persönlichkeit, aber typisiert sie nicht. Die Heiligen sind Individuen von festem Charakter; und wenn das durch eine Biographie nicht versinnlicht wird, ist das kein Fehler des Heiligen, sondern mehr des Biographen. Die Heiligen bekommen durch den Tod ihres „Ich” ihr in Christo erneuertes und entfaltetes „Selbst”, das als eine sich in der Gnade vollziehende „Individuation” interpretiert werden könnte. 21 No Man is an Island, New York, 1955, 4, 10. 22 The seven Storey Mountain, Harcourt,1948, III. Teil II. 4.