Folia Theologica 2. (1991)
László Boda: Aspekte zur Theologie der Selbstverwirklichung
92 L. BODA Frage der christlichen Spiritualität schon erklärt. Keine Zweifel also, dass die Askese bezw. das „eigene Kreuz” in den Begriff der Selbstverwirklichung nicht nur theologisch, sondern auch tiefenspychologisch integrierbar ist.18 Es gibt aber noch ein anderes und sehr wesentliches Problem der christlichen Spiritualität, nämlich die sich hingebende „mystische Liebe”, die als Gipfel der christlichen Vollkommenheit bezeichnet wird. Es gibt nämlich verschiedene Texte, die anscheinend den Verdacht begründen, dass der Weg der Mystik nicht nur bis zu Vernichtung des „Ich,, führt, sondern auch des eigenen individuellen „Selbst”. Der charakteristische Zeuge dieser Erkenntnis ist z.B. der bekannte franzözische Schriftsteller Julien Green: „Es ist notwendig — sagt er —, dass man sich in Gott total verliere.” Es scheint, dass die mystische Vereinigung in der Liebe zugleich eine totale Auslöschung unseres eigenen Wesens bedeutet; als ob sie zur radikalen Annihilierung des „Selbst” (im Sinne von Jung) führte. Aber nein. Das ist nicht die katholische Lehre.19 Das ist in den Texten der Literatur der christlichen Spiritualität nichts anders, als die Versuchung der Sprache, eine markante Redeweise der Mystiker, ist aber keine Äusserung der theologischen Exaktheit. Es ist zu bemerken z.B., wie sehr in der franzö- zischen Literatur der Geist des Jansenismus spukt (auch bei Mauriac). Die christliche — auch die mystische — Liebe und die Selbstverwirklichung sind aber nicht unvereinbar. Das kann folgenderweise bewiesen werden: a. ) Die tiefenpsychologische Ausarbeitung der Selbstentfaltung führt besonders bei Abraham Maslow und Erich Fromm zur Erkenntnis, dass die Liebe ein unentbehrlicher Wert für die echte Selbstverwirklichung ist. Auch Apostel Paulus sagt: „Wenn einer... die Liebe nicht hat, ist alles umsonst” (1 Kor 13, 3). Die Liebe trägt in sich die wirksamsten und wertvollsten Kräfte der Aktivität und Produktivität der Persönlichkeit. b. ) Die katholische Kirche lehrt klar, dass der Mensch für das Heil der Mitmenschen nicht sorgen kann, ohne für sein eigenes Heil zugleich 18 Vgl. die zitierten Schriften von A. Grün, K. Rahner und J. Sudbrach. 19 Vgl. Franz Furgens Bemerkung: „Nicht eine sich selbst auslöschende Aufopferung, sondern die das volle und ganze Selbst... ist folglich gemeint, wenn christlich verantwortet von Selbstverwirklichung die Rede ist”. Einführung in die Moraltheologie, Darmstadt, 1988, 28.