Folia Theologica 2. (1991)
László Boda: Aspekte zur Theologie der Selbstverwirklichung
SELBSTVERWIRKLICHUNG 91 den Christen zur Demut mahnt. Im Sinnhorizont der Bibel und der Theologie sinkt das stolze Selbstbewusstsein einer nur humanistisch interpretierten Selbstverwirklichung immer weiter hinunter. Das bedeutet aber kein existenzielles Minderwertigkeitsgefühl. Das ist die Verhaltensweise und geistige Reaktion der grossen Denker, der Gelehrten und der Heiligen der Wahrheit und Wirklichkeit gegenüber. Diese Demut der Annahme wird aber bei Apostel Paulus die Quelle eines neuen Selbsbewusstseins. Er fühlt in sich die Kraft, die Aktivität und Produktivität des „neuen Menschen”, aber „im Herrn”, und sagt: „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt” (Phil 4, 13). Aspekte der christlichen Spiritualität Die Grundaufgabe der christlichen Spiritualität ist die Nachfolge Jesu in der Liebe. Es scheint, dass „das Kreuz” und die selbstaufopfernde Liebe mit der Selbstverwirklichung unvereinbar sind. Jesus sagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach” (Mt 16, 24). Er fügt aber gleich hinzu? „wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen” (Mt 16, 25).16 Viele Schwierigkeiten entstehen daraus, dass das Wort „Selbst” in seinem Gebrauch nicht eindeutig ist, so^ar bedeutet es manchmal etwas wesentlich anderes. Das Wort „Se/foisucht” oder „Se/forverleugnung” bezieht sich im Persönlichkeitsmodell von Jung nicht auf das „Selbst”, sondern auf das „Ich”. Dieses „Ich” entspricht eigentlich der Konkupiszenz. Das „Selbst” dagegen kann so verstanden werden als unser echtes, authentisches und individuelles Wesen. Die linguistische Zweideutigkeit spiegelt sich wieder wenn das Wort „Se/fti/verwirklichung” und das Wort „Selbstverleugnung konfrontiert werden.17 Diese Zweideutigkeit und Unvollkommenheit der Sprache muss aber toleriert werden. Es gibt also keinen Widerspruch zwischen dem „Kreuz” bzw. „Selbstverleugnung” und der „Selbstverwirklichung”. In der heutigen Phase der Theologie ist diese 16 Vgl. SUDBRACK, J., „Wer sein Leben um meinetwillen verliert”, in Geist und Leben 40 (1967) 161—170. 17 Vgl. BRUNNER, A., Selbstverleugnung als Weg zur Selbstverwirklichung in Geist und Leben 40 (1967) 12—22.