Folia Theologica 2. (1991)

László Boda: Aspekte zur Theologie der Selbstverwirklichung

90 L. BODA „Selbstsucht”, der „Selbsterlösung” oder aber der totalisierten Form der menschlichen Autonomie. Ausserdem wird durch diesen Ausdruck das Tor der Transzendenz nach Gott und nach den Mitmenschen geöffnet, damit ist die soziale und theologische Dimension der Selbstverwirklichung gesichert. Die Selbsttätigkeit der Person wird durch das Wort akzentuiert, aber mit Recht. Wie es nämlich besonders von Karl Rahner ausgearbeitet wurde, gefardet die Gnade die menschliche Selbsttätigkeit nicht, steigert sie sogar. Von diesem Aspekt aus verstehen wir auch die Relativität und Offenheit der Selbstverwirklichung im Rahmen des irdischen Lebens, die wie eine mahnen­de „Vorausanzeige” der Eschatologie fassbar ist. Wenn jemand — wie z.B. Goethe — seine Persönlichkeit, sein „höchstes Gut” in seinem Leben maxi­mal entwickelt, wenn jemand die Aktivität und Produktivität seiner mensch­lichen Kräfte möglichst aktualisiert, muss er doch in Unvollendetheit seiner Persönlichkeit dem Tode entgegensehen. Der Mensch trägt in sich selbst das Fragezeichen der Eschatologie, und bleibt in der Erwartung der Hoffnung „homo absconditus”. Die „molinistische” Akzentuierung der menschlichen Selbsttätigkeit soll aber durch eine „thomistische” Annäherungsweise ins Gleichgewicht ge­bracht werden. In der Dimension der christlichen Theologie äussert sich also auch die „passive Seite" der Selbstverwirklichung, die durch das Wort Annahme" formuliert wird. Bei den heutigen und von der Tie­fenpsychologie ausgehenden Theoretikern der Selbstverwirklichung (z. B. Erikson, Maslow, Fromm u. a.) wird die Selbsttätigkeit, die eigene Leis­tung, die eigene Aktivizät und Produktivität der Persönlichkeit überaus betont.13 Durch die Beachtung der „Annahme” stabilisiert dieser Begriff sein Gleichgewicht. Es gibt keine authentische Selbstverwirklichung ohne Annahme des eigenen Lebens, der eigenen Fähigkeiten und Charakterzü­ge. Durch die Annahme bekommt man seine eigene Persönlichkeit als Aufgabe.14 Durch die Annahme bekommt der Mensch die Erlösung und die Gnaden Gottes. Durch die Annahme bekommt die Askese ihren echten Sinn als Begleiter unserer Berufung (Situationsaskese), als unser eigenes Kreuz”.15 Apostel Paulus fragt: „Kommt nicht alles, was ihr habt, von Gott?” (1 Kor 4,7). Josef Sudbrack bemerkt treffend, dass diese Annahme 13 Stimmen der Zeit, ebd. 26—28. 14 Vgl. GUARDINI, R., Die Annahme seiner Selbst, Würzburg, 1960. 15 Vgl. RAHNER, K., Selbstverwirklichung und Annahme des Kreuzes, in Schrif­ten zur Theologie VIII. 322.

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