Folia Theologica 1. (1990)

Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?

GEWISSEN 69 Fehler ist, auch wenn das Gewissen gar nicht anders kann als sich darauf beziehen, verbietet ihm, eine Handlung nach dem irrigen Ge­wissen als schlechthin gut anzusehen. Dennoch muß der Wille in jedem Fall der Vernunft, die er nicht noch einmal kontrollieren kann, also auch im Falle des irrigen Gewissens folgen. Ein Wille, der nicht der Vernunft folgt, ist auf alle Fälle sittlich schlecht.12 Es darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, daß neben dieser Tradition, die geschichtsmächtig wurde, es auch andere Schulen gab, etwa die sogenannte auf Bonaventura zurückgehende Franziskaner- Schule, die im Gewissen eine affektive Potenz erblickte. Romano Guardini hat einmal den abendländischen, in steter Ausein­andersetzung mit dem Christentum gewachsenen Gewissensbegriff in einer die verschiedenen Traditionen umgreifenden Sicht global so zu­sammengefaßt: "Das Gute berührt mich. Es gibt ein Etwas in mir, das wesensgemäß auf das Gute antwortet wie das Auge auf das Licht: das Gewissen."13 Genau dies Interpretation des Gewissens als Organ für das Gute, das sich gleichsam von selbst entfaltet und heranwächst, wird nun durch die modernen Humanwissenschaften, die heute unser aller Bewußtsein prägen, bestritten. Mit den Methoden und Fragestellungen der am Exaktheitsideal der Naturwissenschaften orientierten modernen Humanwissenschaften lassen sich feststehende Kausalgesetze, nicht aber Gestalten erfor­schen, die in freier Stellungnahme zu diesen vorgegebenen Gesetzmä­ßigkeiten erst sich herausbilden. Ausgehend von der Hirnforschung nimmt C. von Monakow14 einen physiologischen Kompaß im Riesenprotoplasma Mensch an, der die Gesamtinteressen des Organismus in der Welt optimal vertritt und auf seine Lebensziele hin orientiert. Diese biologische Syneidesis ist als 12. Vgl. THOMAS V. AQUIN, Sent II d 39 q 3 a 3; II d 24 q 2 a 3 + 4, S.th. I-II q 19 a 5 und 6, Quaestio disputata de veritate q 17 a 3 und 4; vgl. auch K. GOLSER, Objektive und subjektive Sittenordnung, Wien 1975. 13. R. GUARDINI, Das Gute, das Gewissen und die Sammlung, Mainz 1962, 11. 14. C. V. MONAKOW, Die Syneidesis, das biologische Gewissen, in: N. PETTLO- WITSCH (Hg.), Das Gewissen als Problem, Darmstadt 1966, 1-37.

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